„Wir, die Gesellschaft, sind schon selber schuld, dass wir diese ‚nukleare Teilhabe‘ noch dulden!“

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24-07-20 08:56:00,

Neue Atomwaffentests, die die USA in Erwägung ziehen, die Aufkündigung des Abrüstungsvertrags INF, eine Verharmlosung in der Sprache von Politik und Medien, wenn es um die atomare Bedrohung geht: Das Thema Atomwaffen ist brandaktuell, aber nicht nur die Institutionen, auch die Gesellschaft tut sich schwer, damit umzugehen. Matthias van der Minde, der sich in seinem Buch „Die Dialektik der Bombe – Chronologie und Kritik des atomaren Zeitalters“ mit der Bedrohung auseinandersetzt, beleuchtet für die NachDenkSeiten in einem Interview die aktuellen Entwicklungen. „Die Lage“, sagt van der Minde, „ist von Beginn an komplex“, doch bedeute das nicht, dass in der Gemengelage „keine Hauptverantwortlichen mehr“ auszumachen seien. Dies ist der erste Teil eines zweiteiligen Interviews. Von Marcus Klöckner.

Gibt man bei einer großen Suchmaschine die Formulierung „nukleare Teilhabe“ ein, spuckt diese derzeit rund 58.000 Treffer aus. Was auffällt: Es gibt sehr viele Beiträge in großen Medien, die diesen Begriff gebrauchen – ganz ohne Distanzierung.
Was sind Ihre Gedanken, wenn Sie davon hören, dass in den Medien von einer „nuklearen Teilhabe“ gesprochen wird?

Gute Frage – welche Gedanken? Das Perfide an dieser Begrifflichkeit ist ja, dass sie zum einen harmlos klingt – „Teilhabe“ wirkt durchweg positiv, fast wie „Demokratie“ – und dass sie zum anderen so sehr in den kollektiven Sprachgebrauch eingedrungen ist, dass eben kaum noch jemand aufhorcht, wenn von „nuklearer Teilhabe“ die Rede ist; dass sich eben kaum noch jemand Gedanken macht. Dabei sprechen wir immerhin über Waffen, von denen Einzelne jeweils einen hunderttausendfachen Massenmord verüben könnten. Hinter all den sogenannten „rationalen“ oder „strategischen“ Überlegungen stecken potentiell hunderte oder tausende von Hiroshimas und Nagasakis.

Das Prinzip ist auch aus der neoliberalen Sprache bekannt. Wenn es beispielsweise um Entlassungen und Kündigungen geht, wird davon gesprochen, dass Arbeitnehmer „freigestellt“ werden. Was bedeutet es, wenn Medien diese Begrifflichkeit verwenden? Birgt das Gefahren?

Medien spiegeln eine gesamtgesellschaftliche Unfähigkeit wieder, den atomaren Status Quo zu hinterfragen.

Die sogenannte „nukleare Teilhabe“ erschien aus US-Sicht seit jeher stringent: Die Verbündeten wie Deutschland, Italien, Belgien oder Türkei werden an die große Schutzmacht gebunden, ihre geographische Lage wird genutzt – ohne dass diese Staaten selbst nach der Bombe und damit nach strategischer Eigenständigkeit greifen. Die finale Entscheidung über die Androhung oder gar Durchführung eines atomaren Angriffs bleibt natürlich bei den USA.

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