Die Macht von Komplexität und Polarisierung. Von Andreas Schell.

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27-07-20 09:00:00,

Vorbemerkung: Der Anstoß für diesen Artikel war ein Leserbrief des Autors an die NachDenkSeiten zu unserem Artikel “Corona-Warn-App wird (endlich) als teurer Versager erkannt“. Albrecht Müller.

Die Corona-Zeiten sind vieles: eine Phase tödlicher Gefahr für die einen, eine Grippewelle für die anderen, für Dritte nur ein Vorwand für eine gigantische Frischgeldbeschaffung zum Wohle des Großkapitals. Ich sehe noch einen weiteren Aspekt: ein Prüfstein für das, was jeder Einzelne von uns unter dem eigenen gesunden Menschenverstand und dem seiner Mitmenschen versteht, und wie unachtsam und respektlos damit umgegangen wird. Was ist gemeint? Es ist Ihnen sicher schon aufgefallen, dass Diskussionen über dieses Thema nicht so ablaufen wie eine Konversation über das Wetter, ein Fußballspiel oder die bevorzugte Automarke. Die Bandagen sind ungleich härter, es wird bis aufs Messer der eigene Standpunkt verteidigt. Freundschaften und Beziehungen geraten ins Wanken. Mich macht das sehr betroffen. Wie kommt es dazu?

Verfolgt man einen Corona-Disput aus anderer Perspektive, so lässt sich beobachten, dass sich die Teilnehmer nicht selten an Details festbeißen. Sei es die grundsätzliche Bewertung der Gefahr, die von harmlos über Grippe bis zu etwas völlig Neuem, viel Schlimmeren reicht. Sei es die Bewertung der Maßnahmen – Maske oder nicht? Da wird es relativ schnell unsachlich und nicht selten auch ungemütlich. Der Leugner verharmlost das Ganze heillos, nur ein Mörder trägt keine Maske, und der Verschwörungstheoretiker tritt allzu schnell an die Stelle eines Arguments. Ich habe in der Gegenrede von Angsthasen, Spahn-Jüngern und Systemsklaven gehört. Vermeintlich Informierte begründen ihren Standpunkt mit Einzelbeispielen: Da ist in Utah/USA ein Seniorenchor erkrankt, einige Mitglieder starben. Deshalb sei Singen gefährlich. In Ischgl wurden im Dampf des Indoor-Après-Ski ziemlich viele Menschen infiziert – das kann also auch im Sommer im Freien auf den Partymeilen Mallorcas passieren. In rückhaltloser Rechthaberei verteidigt man auch die Gegenthese: Es gab ganz viele Chöre, die sich nicht gegenseitig infizierten, und in sehr vielen Urlaubsgebieten kam es eben nicht zur Epidemie. Wer erinnert sich in der Hitze der Diskussion schon daran, dass es auch schon früher Veranstaltungen gab, auf denen das Norovirus die Runde machte, an Kantinen, Hotels oder Berghütten, auf denen sich Dutzende Menschen die Grippe oder die Salmonellen holten? An den genannten Erregern kann man ebenfalls sterben.

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