Die Ernüchterungsanstalt Schule erstickt das Interesse für Poesie im Keim

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28-07-20 09:33:00,

Die Ernüchterungsanstalt

Die Schule erstickt das Interesse für Poesie im Keim,

indem sie Schüler zwingt, diese rational zu zergliedern.

von Nicolas Riedl

Das Deutsch-Abitur zwingt Schüler, Gedichte schnell zu verstehen, nicht aber, die Sprache auf sich wirken zu lassen und sie zu fühlen. Allein die Fähigkeit, ein Gedicht in zuvor auswendig gelernte Strukturen pressen zu können, entscheidet darüber, ob jemand laut Zeugnisnote dazu imstande ist, einen Zugang zur Poesie zu finden. Jene, die nicht in Worte fassen können, welche Gefühle die Verse in ihnen auslösen, gelten als „unlyrisch“, als „unkreativ“. Dabei ist es vollkommen absurd und gegen die Natur der Poesie, sie in begrenzter Zeit und in Zahlen erfassen zu müssen.

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Das gesellschaftlich anerkannte Stockholmsyndrom, das die meisten Studienanfänger mit Stolz vor sich hertragen, nennt sich Abitur. Die „Allgemeine Hochschulreife“. Die zeitlich langwierigste Prüfung in dieser Reihe ist die Deutsch-Abitur-Prüfung. Wer sie mit null Punkten absolviert, erhält die allgemeine Hochschulreife nicht. Selbst wenn er in allen anderen Fächern mit einer Eins bestanden haben sollte.

Während beispielsweise im Mathe-Abitur das gesamte „Schülervieh“ durch den gleichen Fleischwolf aus Zahlen und Variablen gekurbelt wird, können sich die Abiturienten bei der Deutsch-Prüfung für eine Schlachtbank ihrer Vorliebe entscheiden. Sie erhalten entweder einen Sachtext, einen dramatischen oder einen lyrischen Text. Den ausgewählten müssen sie dann analysieren.

Wir wollen heute einmal einen Blick auf die Prüfung mit einem lyrischen Text, also einem Gedicht werfen. Hier wird die Absurdität unseres Schulsystems, respektive des Glaubens daran, deutlich. Als Prämisse gilt: Man könne Lyrik in Zahlen erfassen und analysieren wie einen Programmiercode.

► Die Prüfungssituation

Zur Deutsch-Abitur-Prüfung muss man nicht nur sein gepauktes Wissen über Stilmittel, Reimformen und Metren, außerdem Nervennahrung und genug zu trinken mitnehmen. Auch ausreichend Sitzfleisch ist gefordert. Diese Prüfung dauert sage und schreibe fünf Stunden. Eine Zeitspanne, die erst einmal zäh klingt – doch während dieser Prüfungszeit befindet man sich, so scheint es, auf einem anderen Planeten, auf dem die Uhren schneller gehen.

Um Punkt 9 Uhr gibt die Lehrkraft das Signal, die Bögen aufzublättern. Ein synchrones Rascheln erfüllt für zwei Sekunden den Raum, Füller werden gezückt, wie Soldaten ein Gewehr entsichern, und los geht es! Der Feind befindet sich auf dem weißen Blatt. Es ist ein Gedicht eines namhaften Lyrikers der letzten hundert Jahre,

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