Die Meinungsklempner

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28-07-20 04:24:00,

Feiner Nieselregen fällt auf den Parkplatz und überzieht den grauen Schotter mit einem dünnen, glänzenden Film. Nur wenige Fahrzeuge stehen heute hier geparkt. Der monatliche Besuchstag ist erst in paar Tagen, bis dahin sind es die Autos der Pfleger und Ärzte, der Therapeuten und Servicemitarbeiter, die auch an einem Samstag wie diesem Dienst tun in Deutschlands größter Heil- und Erziehungsanstalt für Falschdenker.

Am Eingang des cremegelb gestrichenen Traktes C, an dem wir verabredet sind, erwartet sie mich schon. Sie, das ist Marina Bernisowa, Diplom-Betriebswirtin und PR-Consultant des „Sven-Spaan-Instituts für psychische Gesundheit und Gedankenhygiene“, so der offizielle Name der ein Jahr nach Beginn der Großen Pandemie errichteten Anstalt. Die junge Frau im Solidarity-Anzug begrüßt mich mit einem Augenzwinkern über der farblich abgestimmten Bruno Banani-Love-Maske:

„Guten Morgen, Frau Bülow, schön, dass Sie da sind! Dann lassen Sie uns gleich mal loslegen ― in der Höhle des Löwen, sozusagen …“

Routiniert geleitet sie mich durch die Desinfektionsvorrichtung vor der biometrisch gesicherten Eingangspforte.

1.800 Betten beherbergt das inmitten von Rapsfeldern und Streuobstwiesen idyllisch gelegene Institut. Meist ist es, so wie derzeit, zu rund 90 Prozent ausgelastet. Neben drei Haupt- und zwei Nebentrakten, in denen sich die Patienteneinrichtungen, Therapie- und Arbeitsräume sowie die Kantinen und Cafeterien befinden, prägen ein weitläufiger Gemüsegarten, die Gebäude der Wäscherei und der Desinfektionsanlage, Sportplätze und schließlich der Empfangsbereich vor dem Haupttrakt A mit seinem Skulpturengarten das Bild.

Möglich gemacht haben das großzügige und über die Grenzen Deutschlands hinweg bewunderte Projekt nicht nur Mittel des Sonderfonds für Gedankenhygiene der Bundesrepublik, sondern auch Zuwendungen der Bill and Melinda Gates Foundation. Dem Stifter Gates sowie dem ehemaligen Gesundheitsminister und Namensgeber der Anstalt sind zwei prominente Skulpturen in der Nähe des Haupteingangs gewidmet. In Bälde sollen sie um eine dritte ergänzt werden. Dann wird die Büste von Prof. Dr. Christopher Pfosten, Träger des Bundesverdienstkreuzes am Band, dem Angedenken des viel zu früh verstorbenen Wissenschaftlers dienen, der kürzlich dem Coronavirus erlag ― Anmerkung der Redaktion: Wie eine Untersuchung zwischenzeitlich ergab, starb Prof. Pfosten nicht an Covid-24, sondern an einer Infektion mit dem H1N1-Virus, besser bekannt als Erreger der Schweinegrippe.

Wären da nicht die Drohnen, die die Gebäude und Plätze der Anstalt leise surrend umkreisen, und der Elektrozaun weit hinten, zwischen liebevoll gehegten Bohnenfeldern und leuchtenden Mohnblumen,

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