Das Social-Media-Irrenhaus

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29-07-20 09:57:00,

„Das Netz tobt“ oder „XY wird im Netz heiß diskutiert“ liest man immer wieder. Das Netz steht hierbei für ein globales Geflecht einer digitalen Parallelwelt, deren Hauptstädte Instagram, Twitter und YouTube heißen. Manchmal hört man auch noch was von dem versunkenen Atlantis namens Facebook.

Social Media dürfte für die meisten kaum noch wegzudenken sein. Wer nicht mitmacht, ist ganz schnell nicht mehr auf dem aktuellsten Stand des Aktuellsten. Für viele dürfte es mittlerweile als unverzichtbar gelten, sich in dieser Parallelgesellschaft aufzuhalten und diese auch mitzugestalten. Es ist eine immaterielle Welt, in die überall dort, wo es Netzverbindung gibt, mit einem nach unten, gen Smartphone gerichteten Blick betreten werden kann. Eine Parallelwelt, die nie schläft: Rund um die Uhr werden neue Daten, Tweets, Videos, Memes, Grafiken und Texte eingespeist. Die Informationsmenge ist mit dem menschlichen Geist und Vorstellungskraft nicht mehr greifbar.

Und da muss die Frage gestellt werden: Welchen Gehalt haben diese Informationen? Der Physiker Alexander Unzicker schreibt in seinem Buch „Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur“ unter anderem von der Belanglosigkeit des Aktuellen und hinterfragt, wie relevant die ganzen brandaktuellen News, die Breaking News, die neusten Skandale wirklich sind. Zudem geht Unzicker der Frage nach, was es mit unserem Geist macht, wenn wir diesen mit einem Schnipsel-Konfetti aus belanglosen Informationen „vermüllen“ und ihn durch kurz frequentierte Aufmerksamkeitsspannen abtrainieren, sich konzentriert über einen längeren Zeitraum mit Muse und Hingabe einer einzigen Sache zu widmen? Er kommt mitunter zu dem Schluss, dass wir die Trümmer dieser geistigen Vermüllung erst in den nächsten Jahren wirklich bilanzieren können, die Bilanz ziemlich sicher verheerend sein wird. Was bedeutet dies auf Social Media übertragen?

Auf Social Media wird eine thematische Sau nach der anderen durch das digitale Dorf gejagt. Aber erinnert sich nach wenigen Wochen noch irgendjemand, welche Sau vor kurzem noch getrieben wurde? Und wer kann wirklich sagen, wo der ganz große Saustall ist?

Ist der Anlass, der das Netz — mal wieder — zum Toben bringt in zwei Wochen noch von Relevanz? Werden hier nicht — nach Rainer Mausfeld — Empörungen auf Empörungen gestapelt, bis es zu einer „Empörungserschöpfung“ kommt? Und sind wir bei all diesen Empörungsepisoden überhaupt noch imstande, einen zusammenhängenden Plot, eine Geschichte zu erkennen, in welche wir eingebettet sind?

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