Abseits von Corona: Der Bund hat Tausende Tote auf dem Gewissen

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30-07-20 10:26:00,

Urs P. Gasche / 30. Jul 2020 –

Hätte man vor bald zehn Jahren auf Patienten- und Konsumentenorganisationen gehört, gäbe es viele Behandlungsfehler weniger.

«Das elektronische Patientendossier kommt nicht vom Fleck», meldeten Tamedia-Zeitungen am 18. Juli. Damit nicht genug: Die geplanten Dossiers taugen nichts. Das ist dramatisch, denn auf ihnen beruhte ursprünglich die Hoffnung, die Qualität von Behandlungen stark zu verbessern und von Fehlern rasch zu lernen und Konsequenzen zu ziehen.

Das wäre dringend nötig: In den letzten zehn Jahren starben in der Schweiz rund 25’000 Spitalpatienten wegen vermeidbaren Pannen, Irrtümern und Operationsfehlern. Das schätzt das Bundesamt für Gesundheit. Dazu kommen im vergangenen Jahrzehnt etwa 600’000 vermeidbare gesundheitliche Schadenfälle. Noch immer herrscht wenig Transparenz darüber und noch immer wartet man auf strikte Massnahmen wie in anderen Bereichen.

Kommt es zu einem Flugzeugabsturz mit Toten, werden die Daten sofort zentral ausgewertet, Schwachstellen weltweit publiziert und die Flugzeuge des gleichen Typs bei allen Fluggesellschaften der Welt gegroundet, kontrolliert und verbessert – wie gegenwärtig die Maschinen des Typs Boeing 737 MAX.

Oder Unfälle auf Baustellen: Verunfallen mehrere Bauarbeiter am gleichen Gerüsttyp oder mit der gleichen Maschine, so werden alle diese Unfälle der Suva zentral gemeldet, sodass diese sofort Massnahmen anordnen kann, um weitere Unfälle zu vermeiden.

Aus Fehlern wird zu wenig und zu spät gelernt

Ganz anders in Spitälern. Für eine aktive Politik der Schadenvermeidung gibt es zwar auch im Gesundheitsbereich gesetzliche Grundlagen. So gab das Krankenversicherungsgesetz KVG schon seit 1996 dem Bund die Kompetenz, «systematische wissenschaftliche Kontrollen zur Sicherung der Qualität» durchzuführen. Allerdings hätte der Bundesrat einheitlich erfasste Daten über Behandlungsergebnisse einfordern müssen, um solche Kontrollen überhaupt möglich zu machen. Er tat es nicht.

Seit 2009 sind die Spitäler sogar verpflichtet, Statistiken zur Überwachung der Qualität zu liefern. Doch der Bund schrieb keine einheitliche, vergleichbare Datenerfassung vor. Deshalb taugen die vorhandenen Daten nicht dazu, sie gesamtschweizerisch auszuwerten. Als Folge davon werden

  • schlechte Behandlungsmethoden,
  • Behandlungen, die mehr schaden als nützen,
  • überdurchschnittlich viele Infektionsfälle,
  • schlechte Implantate und andere Medizinalprodukte,
  • gravierende Medikamenten-Nebenwirkungen
  • etc.

viel später erkannt als es möglich wäre – oder manchmal überhaupt nicht.

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