Weshalb Großbritanniens Leiden an Covid ein Menschheitsverbrechen ist

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01-08-20 09:16:00,

Eines der Länder, das die Pandemie weltweit am heftigsten getroffen hat, ist das Vereinigte Königreich. Es rächt sich, dass das staatliche Gesundheitssystem, der National Health Service, schon seit Jahren entkernt wird. Bereits Ende der 1970er Jahre stand die Privatisierung dieses nationalen Heiligtums auf Margaret Thatchers Agenda. Sie wurde bewusst schleichend, kaum merklich betrieben. Schließlich hätte den Regierenden sonst massiver öffentlicher Protest geblüht. Wie weit der Privatisierungsprozess schon gediehen ist, lässt sich jetzt schlaglichtartig an den Verheerungen durch das Coronavirus ablesen. Die Briten hatten nicht einfach nur Pech. Vielmehr hat sie ihre politische Führung ins Messer laufen lassen, schreiben die beiden britischen Ärzte Sarah Gangoli und Bob Gill im folgenden Artikel. Aus dem Englischen von Susanne Hofmann.

Als rationaler Mensch kommt man nicht umhin zu fragen, weshalb Großbritannien in der Covid-19-Pandemie so schlecht abschneidet. Es ist doch ein reiches Land mit der sechstgrößten Wirtschaft der Welt, einer stolzen Geschichte öffentlicher Gesundheitsversorgung und einem Gesundheitssystem (National Health Service, NHS), das aus der Asche des Zweiten Weltkrieges erstanden ist. Es bildet die tragende Säule des Sozialstaates, bietet allen Bürgern unabhängig von ihrem Portemonnaie eine umfassende Versorgung. Diesen Vorzügen zum Trotz gibt es eine Übersterblichkeit von mehr als 50.000 Menschen, die lediglich von den USA übertroffen wird, die die höchste Übersterblichkeit in der Welt haben.

Um diese Katastrophe zu verstehen, ist es unerlässlich, die neoliberalen Reformen zu bewerten, die diese Institution in den vergangenen Jahrzehnten stetig verändert haben. Da wir diesen tückischen Prozess als Allgemeinmediziner und NHS-Ärztin seit fast 27 Jahren hautnah erleben und beobachten, sind wir betroffen, jedoch nicht überrascht.

Zwei Jahre nach der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008 begann die Koalition der Konservativen und Liberaldemokraten ihr Austeritäts-Programm zu verfolgen. Dabei handelte es sich um einen ökonomisch ignoranten Plan, der den falschen Vergleich zwischen Makroökonomie und den Finanzen eines Privathaushalts zog, ein Ansatz, den die frühere Premierministerin Margaret Thatcher populär machte.

Eine getäuschte Öffentlichkeit akzeptierte deren Narrativ und damit den Stillstand bei der Gehaltsentwicklung und Einschnitte bei der öffentlichen Daseinsvorsorge: Eine gewaltige Lüge übertrug die Schuldenlast von Bankenrettungsschirmen auf die Schultern der Schwächsten. Für den NHS bedeutete dies ein Jahrzehnt, in dem ihm die Finanzierung entzogen und die historisch durchschnittlichen jährlichen Steigerungen der Gesundheitsausgaben von vier auf ein Prozent reduziert wurden. Gleichzeitig wurde der NHS weiter restrukturiert,

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