Todesstoß für Moskauer „Insel des Sozialismus“

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02-08-20 01:54:00,

Am Südrand von Moskau liegt ein landwirtschaftlicher Betrieb mit dem Namen Lenin-Sowchose. Bei dem Namen könnte man denken, es handelt sich um einen Betrieb, bei dem nichts mehr richtig funktioniert. Doch die Lenin-Sowchose mit ihren 300 Mitarbeitern überzeugt durch Effizienz und gute Sozialleistungen. Nun wird der Leiter der Sowchose massiv unter Druck gesetzt – mutmaßlich, weil er bei der letzten Präsidentschaftswahl als Kandidat der Kommunistischen Partei angetreten war und ein gutes Ergebnis erreicht hatte. Aus Moskau berichtet Ulrich Heyden.

Ganz Russland kennt Pawel Grudinin. Der 59 Jahre alte Agrarunternehmer mit dem charakteristischen Schnauzer hat 2018 bei den Präsidentschaftswahlen als Vertreter der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) gegen Wladimir Putin kandidiert. Der Agrarunternehmer, dessen Lenin-Sowchose (ein landwirtschaftlicher Betrieb) für hohe Löhne und gute soziale Leistungen bekannt ist, bekam 11,7 Prozent der Stimmen, 8,6 Millionen Russen stimmten für ihn. Jetzt droht der Sowchose am Stadtrand von Moskau das Ende. Die Gerichtsvollzieher sind im Anmarsch. Am 6. Juli hat das Schiedsgericht des Moskauer Gebiets gegen den Sowchos-Chef wegen „schlechter Wirtschaftsführung“ eine Strafe von umgerechnet 12 Millionen Euro verhängt. Die Geldstrafe sei eine Rache für das gute Wahlergebnis von 2018, meint der Sowchos-Chef. Hinter der Attacke stecke ein Abgeordneter der regierungsnahen Partei „Einiges Russland“, der zugleich Inhaber einer Immobilien-Firma ist, die es auf den Boden der Sowchose abgesehen hat.

Unter den Fenstern der mehrgeschossigen Wohnhochhäuser der Lenin-Sowchose am Südrand von Moskau flattern rote Stoffstücke im Wind. „Damit protestieren die Leute gegen das Vorgehen des Gerichts und der Grundstücksfirma Rota-Agro“, sagt Pawel Grudinin, als ich ihn am vergangenen Sonnabend auf der Sowchose besuche.

Erdbeeren, Äpfel, Saft und Milch – ohne Chemie

Die Lenin-Sowchose liegt am Südrand von Moskau, sehr verkehrsgünstig, nicht weit vom Moskauer Autobahnring. Der landwirtschaftliche Betrieb mit seinen 2.000 Hektar ist seit den 1990er Jahren als Aktiengesellschaft organisiert. Pawel Grudinin, der in dem Betrieb als gelernter Ingenieur die Werkstatt leitete, wurde 1995 zum Sowchos-Vorsitzenden gewählt. Die Sowchose gilt vielen Russen wegen ihrer sozialen Leistungen als „Insel des Sozialismus“.

Schon zu Sowjetzeiten war die Lenin-Sowchose für ihre großen Erdbeerfelder bekannt. In diesem Jahr habe man 1.100 Tonnen Erdbeeren geerntet, erzählt der Sowchos-Chef. Außerdem baue man Kartoffeln und anderes Gemüse an. Es gibt Äpfel- und Birnenplantagen sowie eine Saft-Produktion. In einem Milchbetrieb sind automatische Melkanlagen im Einsatz.

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