Afghanischer Warlord: Beförderung statt Den Haag

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04-08-20 08:44:00,

Mitte Juli war es soweit. Abdul Rashid Dostum, der wohl berühmt-berüchtigtste Warlord Afghanistans, wurde während einer feierlichen Zeremonie im Norden Afghanistans zum Marschall ernannt. Er ist der dritte Mann in der Geschichte des Landes, dem diese Ehre zuteil wird. Dostums Beförderung war Teil jenes Deals, den der afghanische Präsident Ashraf Ghani im vergangenen Mai mit Abdullah Abdullah, seinem Hauptkontrahenten, mit dem er sich nach den Präsidentschaftswahlen 2019 zerstritten hatte, abschloss. Damit hat Ghani abermals jene Kräfte gestärkt, die er einst bekämpfen wollte. Von Emran Feroz.

Ähnlich wie andere Kriegsfürsten treibt Dostum seit Jahrzehnten sein Unwesen am Hindukusch. Seine Miliz ist mitunter für einige der schlimmsten Kriegsverbrechen im Land verantwortlich. Bis vor geraumer Zeit war Dostum selbst noch flüchtig, nachdem ihm vorgeworfen wurde, einen politischen Rivalen gefoltert und vergewaltigt zu haben. Besonders prekär: Zum genannten Zeitpunkt, im Jahr 2017, war Dostum offiziell Vizepräsident Afghanistans und somit Ghanis Stellvertreter. Nachdem die Vorwürfe lauter wurden und Kabul sich auch dem internationalen Druck stellen musste, setzte Dostum sich in die Türkei ab. Der ethnische Usbeke pflegt gute Kontakte zu Recep Erdogan. Bereits 2008 spielte sich nach ähnlichen Vorwürfen fast dasselbe Szenario ab.

Während Dostums Anhängerschaft seine Beförderung zelebriert, betrachten sie viele Beobachter als eine skandalöse Farce, exemplarisch für das Scheitern des westlichen Einsatzes in Afghanistan. Seit Ende 2001 werden nämlich jene Warlords, die in den 1990er-Jahren einen blutigen Bürgerkrieg führten und letztendlich auch der Grund für die Formierung der reaktionären Taliban gewesen sind, seitens der USA und ihrer Verbündeten gezielt unterstützt. Bis heute wird der Westen für diesen „Systemfehler“ kritisiert. „Wie kann man einer Regierung Glauben schenken, die Kriegsverbrechen ignoriert oder, noch schlimmer, Kriegsverbrecher in höchste Regierungsposten befördert?“, meint etwa Erik Edstrom, ein ehemaliger US-Soldat und Autor, der vor kurzem ein Buch über seine Stationierung in Afghanistan veröffentlicht hat. Heute gehört Edstrom zu den schärfsten Kritikern des Krieges. Der US-Regierung wirft er bezüglich Dostums Beförderung „Heuchelei und Zynismus“ vor.

Als die US-Amerikaner gemeinsam mit ihren NATO-Partnern ins Land einmarschierten, verbündeten sie sich im Kampf gegen die Taliban mit jedem Warlord und Milizionär, der ihnen entgegenkam. Dostum befand sich damals in der ersten Reihe. Bereits in den ersten Monaten nach dem NATO-Einmarsch wurde seine Junbish-Miliz für eines der blutigsten Massaker in der jüngeren Geschichte Afghanistans verantwortlich gemacht. Damals, im November 2001, hatten Dostum und seine Kämpfer eine größere Gruppe von Taliban-Kämpfern gefangen genommen und sie in mehrere Container eingesperrt.

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