Zueinander finden

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05-08-20 10:36:00,

Am sommerlichen Strand beobachte ich Menschen, die Sonne und Sorglosigkeit zu tanken versuchen, bevor es wieder in die „neue Normalität“ geht, die heraufbeschworene „zweite Welle“, die uns noch größere Gefahren vor die Füße zu spülen droht, noch mehr Verordnungen und Einschränkungen. Die meisten von uns werden sie sicher wohl oder übel befolgen. Wir wollen ja nicht zur Gefahr für unsere Mitmenschen werden.

Auch ich, die ich mich in meinem kleinen südfranzösischen Dorf immer etwas abseits des Geschehens fühle, werde vom Sog dieser Sorge erfasst. Ich habe eine Reise nach Deutschland vor mir, zu Menschen, die sich nicht bester Gesundheit erfreuen. Für sie bin ich eine potenzielle Gefahr. Zwar glaube ich nicht an Killervirus und Pandemie — aber es ist ja möglich, dass ich mit meinem Besuch etwas mitbringe, das als SARS-CoV-2 identifiziert wird. Oder dass einer von uns, während ich dort bin, einfach einen Schnupfen kriegt. In jedem Fall: Der Gedanke an meine Reise bringt mich ins Schwitzen.

In meiner Zwickmühle kann ich plötzlich ein Verhalten verstehen, das ich eigentlich kritisiere. Ich verfolge nun die Nachrichten, vor denen ich mich sonst schütze, recherchiere auf den Seiten von Konsulaten und Fluggesellschaften und hoffe, dass meine Region nicht kurzfristig zum „Hotspot“ erklärt wird. Wie weit würde ich gehen, um Familie und Freunde sehen zu können? Maske tragen? Test machen? Quarantäne? Impfen? Wäre mein Wunsch, geliebten Menschen körperlich nahe zu sein, stärker als meine Vorstellungen von Recht und Ethik?

Wenn es um mich allein geht, ist für mich die Entscheidung klar. Doch wenn es um andere geht? Die Tochter, die die Eltern schützen will, die Mutter, die das Beste für ihr Kind wünscht, die liebende Frau, die gute Freundin, die verantwortungsbewusste Lehrerin, die rücksichtsvolle Nachbarin — wie entscheiden sie? Wie verhalten sich Menschen, denen am Wohl anderer gelegen ist? Protestieren sie? Gehen sie demonstrieren? Schreiben sie Artikel? Tragen sie Maske? Lassen sie sich impfen? Welche Formen nehmen Rücksicht und Nächstenliebe an?

Als ich bei einem Picknick im Freien zwei meiner Nachbarn mit Maske sehe, will ich zunächst mit ebenso mitleidsvollem wie hochmütigem Gruß an den beiden vorbeiziehen. Wie sind die denn drauf? Glauben die etwa den ganzen Quatsch? Doch ich werde in ein Gespräch gezogen, in dem eine der Masken sofort fällt und die andere — nachdem ihr Träger immer wieder vergeblich versucht hat zu verhindern,

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