Das chinesische Prinzip

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11-08-20 03:22:00,

Die Antwort könnte einfach sein: Man könnte jetzt in die Geschichte Russlands wie auch Chinas einsteigen, könnte die neuesten geopolitischen Verschiebungen zwischen den drei Großmächten China, Russland und USA, vielleicht noch der EU diskutieren, könnte die Visionen Wladimir Putins und Xi Jinpings zitieren, die beide trotz aller Modernisierung an der traditionellen Kultur ihres Landes anknüpfen wollen.

Am besten lässt sich jedoch die Frage verfolgen, was es mit der Freiheit in China auf sich hat, wenn man die kurze Blüte der Perestroika in Russland mit dem langen Weg der schrittweisen Reformen in China vergleicht. Das eröffnet zugleich die Möglichkeit, auch die russischen Prozesse noch einmal mit ins Bewusstsein zu holen. Die Voraussetzungen sind vergleichbar: Revolutionen in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Russland wie auch in China, die zur Gründung von Staaten mit kommunistischem, dann sozialistischem Anspruch führten. Basis waren in beiden Fällen — mit unterschiedlichen Ausprägungen, versteht sich — vorindustrielle, agrarische Verhältnisse, in denen Geld- und Naturalwirtschaft noch nebeneinander existierten. Dabei war die Naturalwirtschaft mit traditionellen Formen gemeinschaftlicher Selbstversorgung und familiärer Zusatzwirtschaft eng verknüpft. In Russland war das die Tradition der „Óbschtschina“, der sich selbst versorgenden Bauerngemeinschaft unter der Herrschaft eines absoluten Zentrums, der zaristischen Selbstherrschaft; in China waren es die strengen Familienhierarchien unter dem absoluten Kaisertum.

Es sind diese Grundformen agrarisch geprägten gemeinschaftlichen Lebens auf Basis örtlicher Selbstversorgung bei zentralistischer bis despotischer Lenkung, die Marx und Engels seinerzeit mangels eines besseren Begriffes als asiatische Produktions- und Lebensweise bezeichneten.

Für Russland beschrieb der russisch-englische Ökonom Theodor Schanin diese Wirtschafts- und Lebensweise in den 1990-er Jahren als „expolare Wirtschaft“, eine Wirtschaft, die weder „kapitalistisch“ noch „sozialistisch“ sei; ein wesentliches Element darin sei, eingebettet in eine Tradition der agrarisch basierten gemeinschaftlichen Selbstversorgung, die „Gunstwirtschaft“. Sie wird im Russischen mit dem Wort „Blat“ umschrieben. Erwiesene Gunst stehe in dieser Wirtschaftsform an der Stelle des Geldes, zumindest aber gleichberechtigt an dessen Seite als Äquivalent für den wirtschaftlichen und den allgemeinen gesellschaftlichen Austausch: „Du hast mir heute einen Gefallen getan; ich schulde Dir einen Gefallen, den ich Dir morgen zurückgebe.“ Dabei spielt der Geldwert des Gefallens eine untergeordnete oder gar keine Rolle (1).

Geldverkehr hat nur Teile des gesellschaftlichen Lebens erfasst.

Für China beschrieb die in den USA lebende chinesische Soziologin May-fair Mei-hui-Yang in ihrem 1994 veröffentlichten Buch „Gifts, Favors and Banquets: The Art of Social Relationships in China“ unter dem Stichwort „Guanxixue“ eine vergleichbare Realität:

„Guanxixue beinhaltet den Austausch von Geschenken,

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