Das Prinzip Ahnungslosigkeit

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12-08-20 04:45:00,

Ich wünschte, wir wären wieder so naiv, wie wir als Achtjährige waren. Wobei ich nichts gegen Achtjährige gesagt haben möchte; schließlich bin ich Pädagoge. Das Gute an noch nicht verbildeten Kindern ist aber, dass sie es fertigbringen, sich ein Ding genau zu betrachten und anschließend Fragen zu stellen, um es zu verstehen. Manchmal kommt es sogar vor, dass sie ein zweites Mal fragen, dann nämlich, wenn ihnen die Antwort zu dürftig oder gar unverständlich war.

Dies könnte sich beispielsweise so anhören:

Du, Mama, was sind das eigentlich für Leute, die am 1. August in Berlin demonstriert haben?

Ach, die. Das sind rücksichtslose, asoziale, aggressive, aufmüpfige Extremisten.

Extre… was?

Naja, so Leute halt, die auf die Straße gehen und allen in die Schnauze hauen, die nicht so sind wie sie. Man nennt sie Nazis oder Faschos oder Judenhasser oder Demokratiefeinde, ganz grauslige Gestalten halt.

Woher weißt du das?

Man muss sich dieses Gesindel nur ganz genau anschauen, dann weiß man Bescheid.

Aber ich schau‘ ja schon ganz genau.

Moment mal, was guckst du dir da an?

Einen Livestream von der Demo. Davon gibt‘s ganz viele im Internet.

Öhm, ok …

Da, Mama, schau, dieses Mädchen da, ist das ein Extrist?

Extremist, Schatz. Äh … nicht wirklich. Aber es wird von den Extremisten benutzt, damit wir denken, sie seien liebe, normale Menschen, so wie wir.

Das arme Mädchen. Und die alte Frau da, die mit den Blumen auf dem Hut?

Die alten Frauen sind die Schlimmsten.

Echt jetzt?

Naja, du weißt doch, wie Oma ständig von 1968 erzählt und dass sie da so viele Steine geschmissen hat und all das.

Sind das die Geschichten, wo du und Papa nachher immer sagt, wie stolz ihr auf die Oma seid?

Weißt du was? Die Lego-Burg ist doch noch gar nicht fertig. Willst du die nicht noch zu Ende bauen vor dem Abendessen?

Wieso können wir nicht wieder so jung im Geiste sein?

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