Die Salonlinken

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15-08-20 04:53:00,

Viele werden das Buch „Die Rückkehr nach Reims“ des französischen Autors und Sozialwissenschaftlers Didier Eribon gelesen oder zumindest davon gehört haben. Darin schildert Eribon anhand der eigenen Biographie das Elend der heutigen Linken, die sich von ihrem historischen Subjekt, der Arbeiterklasse, von den Menschen, für deren Befreiung und Emanzipation sie angeblich kämpfen, inzwischen völlig entfremdet haben. Der unglaubliche Text „Hipster sind es wohl nicht“ von Gerhard Hanloser in der Ausgabe 32 des Freitag, erscheint hier wie eine geradezu idealtypische Illustration dieser Entwicklung.

Unter dem Deckmantel einer vorgeblichen soziologischen und psychologischen Analyse der Teilnehmer an der Corona-Demo vom 1. August in Berlin, schüttet der als Soziologe, Historiker und Germanist vorgestellte Autor, Kübel von Häme und intellektueller Verachtung über die Menschen aus, die ihr Grundrecht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit wahrnehmen und gegen die autoritäre Verfestigung des Corona-Regimes protestieren.

Hauptkritikpunkt ist deren, nach Meinung des Autors, mangelnder Sinn für Ästhetik und coolem Auftritt. Hanloser formuliert das wie folgt:

„Ansonsten alles sehr bürgerlich, allerdings ästhetisch ärmlich. Mittvierziger mit Sandalen und komischen Hosen, Pegida-Style. Mit dem Soziologen Pierre Bourdieu könnte man sagen, dass hier ein Milieu mit geringem kulturellen und besonders wenig ästhetischem Kapital unterwegs ist. Es hat wenig Möglichkeiten, sich den Anschein von Hipness oder modischer Coolheit zu geben. Vieles erinnert an die Gelbwestenbewegung in Frankreich. Auffällig ist die rein weiße, hier sehr deutsch-kartofflige Zusammensetzung der ‚Corona-Rebellen‘.“

Hier manifestiert sich das ganze Elend linker Intellektueller, die etwas von Klassenkampf schwafeln, aber noch nie eine Fabrik von innen gesehen haben und sich für die Lebensumstände derer, deren Fürsprecher sie vorgeblich sind, im Grunde noch nie interessiert haben.

Richtig intellektuell unredlich wird es aber, wenn sich der Autor für seine „Analyse“ auf einen Klassiker der Sozialwissenschaft, den französischen Soziologen Pierre Bourdieu bezieht. Wer sich auch nur rudimentär mit Bourdieu und dessen Konzept des kulturellen, sozialen und ökonomischen Kapitals auseinandergesetzt hat, sollte wissen, dass es Bourdieu, anders als Hanloser, nie darum ging, die Objekte seiner Analyse zu denunzieren und herabzuwürdigen. Im Gegenteil, ein wesentliches Moment der Forschungsarbeit Bourdieus war zu ergründen, wie Klassengesellschaft funktioniert und wie es der herrschenden Klasse und ihren Funktionseliten gelingt, die unteren Klassen auf Dauer unten zu halten. Eine Frage, die sich große Teile der heutigen Linken nicht mehr stellen.

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