Russischer Impfstoff – gerechtfertigte Zweifel und zweierlei Maß

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17-08-20 09:03:00,

Der russische Covid-19-Impfstoffkandidat „Sputnik V“ macht zur Zeit weltweit Schlagzeilen. Vor allem deutsche Kommentatoren übertreffen sich dabei gegenseitig mit teils schrillen Warnungen vor den möglichen Nebenwirkungen und kritisieren einhellig die dramatische Verkürzung der Testphasen. Das ist auch vollkommen berechtigt. Bei all der Kritik scheinen die Kommentatoren jedoch zu vergessen, dass Russland sich hier nur unwesentlich vom Rest der Welt unterscheidet. Auch Deutschland, die EU und die USA haben die Testphasen für „ihre“ Impfstoffkandidaten massiv verkürzt und sich für Milliarden Euro sogar bereits Impfstoffe gesichert, die überhaupt noch nicht in einer größeren Studie auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen getestet wurden. Von Jens Berger.

Lesen Sie dazu bitte auch: Covid-19-Impfstoffentwicklung – eine Debatte ist dringend nötig, findet aber nicht statt.

So wenig bislang in den wissenschaftlichen Datenbanken über den russischen Impfstoffkandidaten „Gam-COVID-Vac Lyo“ zu finden ist, so professionell ist seine Vermarktung. Alleine dessen neuer Name „Sputnik V“ weckt Erinnerungen an eine Zeit, in der die damalige Sowjetunion in einem geschichtsträchtigen Wettlauf die Nase vorn hatte. Daran will auch die Hochglanz-Internetseite zum Impfstoffkandidaten erinnern, auf der er in verschiedenen Sprachen vollmundig als „weltweit erster registrierter Impfstoff“ gegen Covid-19 gefeiert wird. Das ist natürlich falsch, sind doch bereits sechs andere Impfstoffkandidaten international für die dritte klinische Testphase freigegeben und somit ebenfalls registriert. Der vermeintliche Sputnik-Schock löste in Deutschland vor allem harsche Kritik aus. So kritisierte die Tagesschau die „Zulassung“ des Impfstoffs und die Süddeutsche wetterte sogleich gegen „Putins üble Impfstoff-Propaganda“. Sogleich entflammte ein Streit, ob Russland den Impfstoff nun eigentlich „registriert“ oder „zugelassen“ habe.

Offenbar ist beides der Fall. Laut staatlichen Arzneimittelregister wurde der Impfstoff für die dritte klinische Phase „registriert“, aber auch gleichzeitig für die Verabreichung an „eine kleine Anzahl von Bürgern aus gefährdeten Gruppen“, wie beispielsweise Mitarbeitern des Gesundheitssystems, „zugelassen“ – und zwar bis zum 1. Januar 2021. Erst dann darf der Impfstoff bei positiven Ergebnissen aus den nun folgenden Tests auch regulär und in großem Umfang eingesetzt werden. Die dritte klinische Phase begann übrigens in der letzten Woche und soll sowohl in Russland als auch in Brasilien, Saudi Arabien und Mexiko stattfinden. Ist dieses Vorgehen ungewöhnlich und zu kritisieren?

Ungewöhnlich ist es ganz und gar nicht.

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