Willkommen in der „neuen Normalität“

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18-08-20 09:50:00,

Eine „neue Normalität“ wird von zahlreichen Medien ausgerufen. Der Vorgang belegt nicht nur einen fragwürdigen journalistischen Herdentrieb. Er provoziert auch die Frage: Soll so der Corona-Ausnahmezustand verewigt werden? Von Tobias Riegel.

Ein Teil des Unbehagens, das viele Bürger im Zusammenhang mit der Corona-Episode empfinden, beruht auf dem Verhalten vieler großer Medien. Diese fallen nicht nur als kritische Institutionen aus: Weder wird der politische Umgang mit dem Virus auf seine Verhältnismäßigkeit geprüft, noch die handelnden Personen auf ihre Redlichkeit, noch die verkündeten Zahlen auf ihre Seriosität. Viele Medien gehen aber noch über diese Untätigkeit, die den erlebten unwissenschaftlichen Umgang mit „Fallzahlen“ etc. erst erlaubt, hinaus: Geradezu beflissen fügen sich zahlreiche Redakteure, aber auch Institutionen, in eine von manchen Bürgern als Kampagne empfundene Dynamik ein. Eine zentrale Vokabel dabei lautet: die „neue Normalität“. Soll damit die Akzeptanz eines dauerhaften Ausnahmezustands erhöht werden?

„Ausnahmezustand als neue Normalität“

Der Begriff wurde seit April dieses Jahres eingeführt und ist mittlerweile allgegenwärtig. So fragte die „Zeit“: „Neue Normalität?: Was Corona-Tests mit dem Urlaubsgefühl machen“. Die FAZ stellte fest: „Lockdown light : Die neue Normalität“. Der „Spiegel“ beschreibt eine „neue Corona-Normalität“. Laut „Deutsche Welle“ stolpert Deutschland in eine „neue Normalität“. Die „Tagesschau“ bezeichnete bereits früh den „Ausnahmezustand als neue Normalität“. Bei einem aktuellen Beispiel erklärte am Wochenende der Deutschlandfunk seinen Hörern, dass „wir ja gerade in einer neuen Normalität“ leben würden, einige Anrufer wiesen den Begriff zurück. Beispiele für die internationale Verbreitung des Begriffs folgen weiter unten.

Kritik ist hier auf zwei Ebenen angebracht: Auf der einen erscheint es grundsätzlich befremdlich, wenn zahlreiche große Medien zeitgleich einen identischen Begriff übernehmen und diesen großflächig nutzen und etablieren. Der Eindruck eines kritiklosen und auf die passenden Reizworte anspringenden Herdentriebs entsteht – auch wenn die „neue Normalität“ in Details medial unterschiedlich definiert wird. Auf der anderen Ebene geht es um die Inhalte dieser „neuen Normalität“: Sind diese zu begrüßen und kann man darüber überhaupt noch diskutieren, wenn sie doch schon zur Normalität erklärt wurden? Hat es, außer in internen Redaktionssitzungen, eine gesellschaftliche Abstimmung über das Einführen einer „neuen Normalität“ gegeben?

„Neue Normalität“ als höhere Gewalt

Die breitflächige Etablierung des Begriffs „neue Normalität“ ist keine Petitesse, er transportiert folgende Aspekte: 1.

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