Totalitärer Moralismus

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19-08-20 10:33:00,

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Dieser berühmte Beginn von Kafkas Roman „Der Prozess“ steht für die Erfahrung von Willkür und Totalitarismus. Der verhaftete Protagonist versucht vergeblich, den Anlass seiner Gefangennahme zu ergründen und gerät immer tiefer in ein scheinbar auswegloses Labyrinth.

Totalitäre Systeme legitimieren sich immer moralisch. Willkür braucht einen Feind, den es zu verleumden oder von dem es sich abzugrenzen gilt — indem man etwa eine Mauer baut — oder der abgewertet und auf dieser Basis ausgemerzt werden muss — besonders krass im Antisemitismus. Wenn es sich um ein Virus handelt — als Parasiten oder Schädlinge wurden in der Geschichte freilich auch schon Menschen bezeichnet —, gilt es, sich dagegen zu immunisieren und zu schützen; als endgültige Lösung werden dabei gerne kollektive Zwangsmaßnahmen favorisiert, etwa Impfungen.

All diese Strategien haben kaum mit einer echten Auseinandersetzung mit dem vermeintlich Feindlichen zu tun, gar einer bewussten, achtsamen Integration in den Organismus. Sie weisen vielmehr einen erstaunlich infantilen militanten Charakter auf. Er geht einher mit intelligenten, dabei „soften“ moralischen Implikationen. Die Methoden, mittels derer das ethisch Nahegelegte den Bürger beeindrucken soll, sind das Schüren von Angst — vor dem unreinen Blut und der Spucke des Nächsten, vor der Hand des Freundes, dem Ende des Lebens —, zweitens die Spaltung der Bürger — hier Leugner, dort der Wahrheit Dienende — und, auf der Handlungsebene, die Suggestion angeblicher Alternativlosigkeit: „neue Normalität“.

Den Regierten bleibt nur das Arrangement mit der Macht und mit dem Gehorsam oder das instinktive Aufbegehren, der kritisch nachfragende Widerstand.

Zu Beginn der „Pandemie“ ließ sich zunächst ein Feind namens Corona-Virus identifizieren, der zwar in unserem Leib wütete, aber rhetorisch wie ein externer Feind behandelt wurde, der mit unseren eigenen Fehlern — etwa unserem Umgang mit den Tieren oder mit einer verkürzten Auffassung von Krankheit — nichts zu tun zu haben schien, sondern gleichsam „plötzlich“ aus dem Dickicht der Natur auf unsere gesicherte Existenz zustürzte. Bis zu einem gewissen Grad konnte man sich noch halbwegs darüber einig sein, dass schwerere Influenza-Verläufe etwas sind, womit man sich nun einmal vernünftig, statt leichtsinnig, befassen muss, wie mit allen Krankheiten und Gefahren, die eben zur Spezies gehören, und dass man besonders Gefährdete gemeinsam schützen sollte.

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