Das Ende der Illusion

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20-08-20 11:38:00,

Noch nie haben auf globaler Ebene Lüge und Wahrheit, Fakes und Fakten so nahe beieinander gelegen. Seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ist das Wort „Fake“ in aller Munde und spätestens seit der Entdeckung von SARS-CoV-2 der wiederauferstandene Begriff „Verschwörungstheorie“. Hautnah stehen sich unterschiedliche Arten, die Welt zu sehen, gegenüber. Auf beiden Seiten verursacht diese Konfrontation Schmerz. Beide Seiten leiden.

In der Medizin ist das Symptom ein Zeichen dafür, dass a) etwas nicht stimmt, was b) gerade repariert wird. So treffen eine schlechte und eine gute Nachricht zusammen. Zusammengenommen bedeuten sie: Die Lösung ist bereits im Problem angelegt. Wir würden, geht man noch einen Schritt weiter, ein Problem gar nicht wahrnehmen können, wenn uns mit ihm zusammen nicht auch die Möglichkeit zu seiner Lösung mitgegeben würde. „In der Gefahr aber wächst das Rettende auch“, nannte Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843) dieses Phänomen, was auch in Dante Alighieris (1265 bis 1321) „Divina Comedia“ angelegt war: Der Ausgang aus der Hölle befindet sich mittendrin.

Aus der Biologie wissen wir, dass jeder lebendige Organismus über Selbstheilungskräfte verfügt. Der Körper ist also einem Problem nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, sondern bekommt natürlicherweise Unterstützung, um heilen zu können. Wenn wir also unseren Organismus machen lassen, sein Potenzial unterstützen und nicht behindern, dann werden wir von ganz alleine wieder gesund. Nach überstandener Krankheit — so haben es viele erfahren — sind wir nicht mehr wie vorher. Wir haben uns weiterentwickelt, einen Schritt nach vorn gemacht, sind kräftiger geworden, erwachsener, reifer.

Ein Problem, mit dem wir konfrontiert werden, ist daher nicht grundsätzlich als negativ zu bewerten. Es ist eine Gelegenheit, als Ganzes zu wachsen.

Doch das ist nicht bequem und fällt gerade so sehr auf Gemütlichkeit und Sicherheit getrimmten Menschen wie uns schwer. Einen alten Kokon zu durchbrechen, kann Schmerzen verursachen. Es macht Angst, wenn die alte Hülle Risse bekommt und aufplatzt. Wundsekrete können zutage treten, die so abstoßend wirken, dass wir nur verzweifelt versuchen können, die Risse zu kitten.

Doch damit wird das Problem nicht gelöst. Wenn wir uns darauf beschränken, die Grenze zwischen innen und außen zu verstärken, dann wird dem Organismus nicht geholfen. Die Trennung ist das Problem. Die Lösung ergibt sich in der Begegnung, im Zusammenkommen. Genau das aber geschieht nicht, wenn sich die Fronten verhärten.

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