Das Gesicht der großen Zahl

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20-08-20 11:44:00,

Die letzte Veranstaltung in Berlin, an der ich teilnahm, war die große Demo am 18. Februar 1968 im Anschluss an den Vietnamkongress in der Technischen Universität. Sie war vom Senat verboten, aber im letzten Augenblick vom Verwaltungsgericht genehmigt worden. Und so zogen wir — nach eigener Wahrnehmung 12.000 — auf der zugelassenen Route durch menschenleere Straßen, in einem nach meiner Erinnerung dennoch rauschhaften Zustand, für den Sieg im Volkskrieg und, wie es hieß, unser Vietnam hier.

Weniger emphatisch, obwohl es nun um unsere eigene Republik ging, war die Demonstration am 11. Mai des gleichen Jahres nach den Osterunruhen, die durch das Attentat auf Rudi Dutschke ausgelöst wurden. Und ob wir nun beim Protest gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze in Bonn bereits 200.000 waren, die da demonstrierten — die Gewerkschaften hatten es vorgezogen, zu einer eigenen Veranstaltung in Dortmund aufzurufen —, blieb die Sache für mich irgendwie fahl und sie blieb auch folgenlos, vielleicht weil sich niemand von uns vorstellen konnte, wie der Notstand, für den diese Gesetze verabschiedet wurden, aussehen mochte.

Tatsächlich brach die Protestbewegung dann auch rasch in sich zusammen. Der Mai war vorbei, bevor auch hier die Masse kritisch wurde. Der eher unauffällige Marsch durch die Institutionen, abseits der öffentlichen Wahrnehmung, begann.

Die Demonstration am 1. August 2020 — die ich, der ‘68er im 77sten, Risikogruppe Frankfurt West, nun aus der Ferne über einen YouTube-Kanal begleitete — war, um es mal entsprechend der ballistischen Wucht, mit der sie durch die Stadt fuhr, zu sagen, doch von anderem Kaliber, nicht nur ihres Umfangs wegen.

Das alte Ziel, die Internationalisierung des Konflikts, war voll erreicht — aber der Notstand eben auch. Und so schien die Füllmenge des angesammelten Sprengstoffs nur noch vom Funken abzuhängen, dem es gelang, ihn zur Explosion zu bringen.

Oder sollte dieser zündende Funke selbst plötzlich ein ganz anderer sein, sozusagen ein heller Funke, der diese explosive Mischung verwandelte, dass aus ihr, der kritischen Masse, wie ich sie mein Lebtag sonst noch nicht gesehen hatte, eine über sich selbst im Klaren befindliche Menge wurde?

Was war in diesem Coronasommer Recht und Gesetz, wenn jemand, der das Grundgesetz vor seine Brust hielt, von der Polizei weggeschleppt wurde, wie ich es anlässlich einer sogenannten Hygienedemo gesehen hatte?

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