Wissenschaftliches Fehlverhalten – von der Randerscheinung zum Flächenbrand

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21-08-20 09:55:00,

Wissenschaftliches Publizieren im Zeichen betriebswirtschaftlicher Massenproduktion

Frank Müller sammelt seit Jahren fragwürdige wissenschaftliche Publikationen aus den Natur- und Materialwissenschaften. Er berichtet von Fälschungsquoten im deutlich zweistelligen Prozentbereich sowie von der Schwierigkeit, solche Publikationen zu kennzeichnen oder aus dem wissenschaftlichen Diskurs zurückzuziehen, und macht Vorschläge zu Verbesserung des Kontrollsystems.

Herr Dr. Müller, Sie sammeln und protokollieren fragwürdige wissenschaftliche Publikationen aus den Natur- und Materialwissenschaften. Wie genau gehen Sie dabei vor?

Frank Müller: Dazu werden in regelmäßigen Abständen die Abbildungen in den aktuellen Publikationen der gängigen Verlage auf Unregelmäßigkeiten untersucht. Das mag an dieser Stelle an die Suche nach der Nadel im Heuhaufen erinnern – aber in diesem Heuhaufen liegen Tausende von Nadeln. Wenn wir jetzt solch eine Recherche starten würden, dann hätten wir in spätestens einer halben Stunde den ersten Treffer.

Und nach diesem ersten Treffer geht es dann lawinenartig. Bleibt man nämlich bei der betreffenden Autorengruppe, so ist es fast schon die Regel, dass in deren Publikationslisten weitere Arbeiten mit unlauterem Datenmaterial zu finden sind. Man kann so am Tag bis zu 20 Publikationen finden, die eine Meldung an die Zeitschriften mehr als rechtfertigen.

Wie fing Ihre Detektivarbeit an, was war das auslösende Moment?

Frank Müller: Das kann ich leider nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Es muss wohl ein Zufallsfund im Rahmen von Recherchen für eigene Arbeiten gewesen sein. Auffällig war damals, dass in mehreren Publikationen, in denen ähnliche, aber doch verschiedene Materialien diskutiert wurden, immer wieder dieselben Daten gezeigt wurden. Dass es sich um dieselben, und nicht nur um ähnliche Daten handelte, konnte man am exakt gleichen Untergrundrauschen erkennen. Rauschen ist ein statistisches Phänomen. Das bedeutet, dass Experimente, die unter exakt denselben Bedingungen durchgeführt werden, ähnliche, aber niemals dieselben Daten hervorbringen können. Die Daten müssen sich im Rauschmuster des Untergrundes unterscheiden.

Bei einer ausführlicheren Durchsicht der Publikationen der betreffenden Autorengruppe hat sich dann schnell gezeigt, dass die Verwendung identischer Daten oder gar die Manipulation von Daten hier der Standard zu sein schien. Nach langem Überlegen habe ich dann zum ersten Mal einen Herausgeber mit der Betreff-Zeile “Scientific misconduct in one of your journals’ articles” angeschrieben.

Wie reagieren die Herausgeber der Journale auf Ihre Anfragen und Hinweise?

Frank Müller: Dazu muss ich vorwegnehmen, dass ich nur solche Fälle den Redaktionen melde,

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