Technologie der unfreien Welt – Teil 2: Mythos und Selbsterlösung

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22-08-20 05:49:00,

Die Digitalisierung scheint auf eine Teilung der Menschheit in jene, die sehen, und jene, die gesehen werden, hinauszulaufen. Der sowohl vom Christentum als auch später von der Aufklärung vertretene Grundsatz einer bestehenden Gleichheit der Menschen scheint durch den Gang der technischen Entwicklung aufgekündigt zu werden. Dies wirft die Frage auf, ob es sich bei der Digitalisierung wirklich um den nächsten Technologiezyklus handelt oder um ein tiefer gehendes Großprojekt unserer Zivilisation.

HAUKE RITZ, 22. August 2020, 0 Kommentare

Im ersten Teil dieser Reihe wurde herausgearbeitet, dass die Naturwissenschaft – trotz ihrer unterschiedlichen Einzeldisziplinen – auf einheitlichen Grundannahmen fußt. Im zweiten Teil soll nun erörtert werden, welche Einsichten sich ergeben, wenn man die Prämissen der Naturwissenschaft mit älteren Weltbildern aus der Geistes- und Religionsgeschichte vergleicht.

Naturwissenschaftler selbst wenden häufig ein, dass ihre Theorien ja prinzipiell nur Modelle darstellen. Damit soll ein Unterschied zum Wahrheitsanspruch der Religionen sowie einzelner Philosophien markiert werden. Tatsächlich ist es aber so, dass die geistigen Grundannahmen der Naturwissenschaft in nahezu alle ihre Einzeldisziplinen strukturgebend eingegangen sind. Das bedeutet, dass sich der einzelne Wissenschaftler ihrer meist nicht mehr bewusst ist. Dies führt dazu, dass das, was in den Naturwissenschaften eigentlich Modellcharakter haben sollte, wie Realitäten behandelt wird: zum Beispiel das Ausgehen von einem die gesamte Welt durchdringenden Kausalzusammenhang, der zugrunde gelegte materielle Charakter der gesamten Wirklichkeit, die Bewertung geistiger Phänomene als Sekundärphänomene, die monistische Struktur des Kosmos, die Subjektunabhängigkeit der Erkenntnis, die atheistische Grundposition der Wissenschaft im Gegensatz zur agnostischen und so weiter. Der von Naturwissenschaftlern ins Feld geführte Modellcharakter kann auf diese Grundannahmen nicht angewendet werden, ohne das gesamte Selbstverständnis der Naturwissenschaft zu gefährden. Das wiederum bedingt, dass sich die geistigen Prämissen der Naturwissenschaften trotz des beanspruchten Modellcharakters naturwissenschaftlicher Einsicht tatsächlich kaum von früheren geistigen Systemen – seien dies nun Philosophien oder Religionen – unterscheiden.

Tatsächlich begannen die Naturwissenschaften als vorurteilsfreier Denkprozess, der religiöse Dogmen hinterfragte und ein neues Verhältnis zur Empirie etablierte. Der Aufstieg und die Entfaltung naturwissenschaftlichen Denkens waren ein wichtiger Bestandteil der Aufklärung und trugen dazu bei, den Menschen aus einer unselbstständigen Position gegenüber Kirche und Adel zu befreien. Doch je mehr die Naturwissenschaften sich darauf festlegten, die Welt als ein prinzipiell totes, determiniertes, rein materielles, atomistisches, subjektloses und letztlich bewusstseinsloses Ableitungssystem zu begreifen, desto mehr begannen sie selbst eine neue Metaphysik hervorzubringen.

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