Die letzte Kolonie

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26-08-20 02:09:00,

Als Wissenschaftler, der sich Zeit seines Berufslebens mit der Geschichte des Kolonialismus beschäftigt, Bücher und Studien geschrieben, unzählige Vorträge im In- und Ausland, Seminare und Vorlesungen darüber gehalten hat, den erfüllt eine gewisse Genugtuung, dass im zweiten Dezennium des dritten Jahrtausends diese Thematik, am Beispiel der deutschen kolonialen Vergangenheit veranschaulicht, in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein scheint.

Allerorten gibt es Diskussionen und zuweilen auch daraus entstandene praktische Schlussfolgerungen, die in der Tatsache begründet sind, dass das Deutsche Reich vor mehr als einhundert Jahren eine Kolonialmacht war. Kolonialherrschaft war immer unrecht, tief rassistisch und basierte zumeist auf Gewalt und Ausbeutung. Sich dagegen zu wenden und aufklärerisch wirksam zu sein, kann man nur begrüßen. Denn Deutschland hat seine Spuren als Kolonialmacht von 1884/85 bis 1918/19 in Afrika, in China und in der Südsee hinterlassen.

Allerdings maßen sich heute leider so manche an der kolonialen Vergangenheit interessierte Deutsche an, ohne sich in der Fachliteratur kundig und somit mit der kolonialen Wirklichkeit vertraut gemacht zu haben, zu behaupten, darüber schon alles zu wissen. Zudem instrumentalisieren sie den seit einigen Jahren in Deutschland angekommenen postkolonialen Diskurs für ihre Interessen.

So manche Nachgeborene behaupten sogar, sie hätten eine Amnesie des deutschen Volkes auf dem Gebiet der kollektiven Erinnerung ausfindig gemacht, die man nun endlich beseitigen müsse. Das sind zwar gut gemeinte, die Effektivität der antikolonialen und antirassistischen Überzeugungsarbeit aber behindernde Anmaßungen. Denn oft genug wird mit kaum verdeckten Fake News versucht, den vormaligen Kolonialismus in der sogenannten Dritten Welt für alle nur möglichen Entwicklungen verantwortlich zu machen, die nicht nach ihren, letztlich europäischen Vorstellungen verlaufen.

Dabei wird vergessen, dass seit Ende der 1950-er Jahre in der DDR und seit Mitte der 1960-er Jahre in der alten Bundesrepublik begonnen worden ist, die deutsche koloniale Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten. Es wäre angebracht, die hunderte von einschlägigen Büchern und die zu Tausenden vorliegenden Studien in einer Spezialbibliothek zusammenzufassen und somit auch denjenigen zugänglich zu machen, die bis heute lamentieren, dass die deutsche Kolonialgeschichte nun endlich aufgearbeitet werden müsse, und dann noch behaupten, sie könnten jedoch die vorliegenden Forschungsergebnisse dazu nicht finden.

Wichtig ist zweifelsohne, dass man in einer politischen Auseinandersetzung weiß, worüber man spricht, seine Argumente also mit Fakten unterlegen kann. Schon der große marxistische Globalhistoriker Eric Hobsbawm warnte kurz vor seinem Tode vor dem Abdriften der historischen Erinnerung in eine völlig falsche Richtung: „Politisch gesehen liegt die größte unmittelbare Gefahr für die Geschichtsschreibung in einem ‚antiuniversalistischen‘ Ansatz nach dem Motto: ‚Meine Wahrheit ist so gültig wie deine,

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