Der Meinungskrieg

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03-09-20 12:28:00,

Peter Sellers meinte, was Glück bedeute, wisse man erst, wenn man verheiratet sei — doch dann sei es zu spät. Mit ein bisschen Aufmerksamkeit hätte man es natürlich vorher wissen und zu Ergebnissen gelangen können, die vor den gröbsten Enttäuschungen bewahrt hätten. Die späten Jammerer seien an das Bonmot des großen Aphoristikers W. C. Fields erinnert, nach dem man ehrliche Menschen nicht betrügen könne. Zur Strecke bringt sie freilich allzu oft der beste Betrug, des es gibt: der Selbstbetrug.

Kognitive Prozesse funktionieren nicht ohne unser Zutun — und gelegentlich auch nicht ohne unser Tun. Gleichwohl vereinfacht der Vorwurf, „wer etwas hätte sehen wollen, hätte etwas gesehen“, unzulässigerweise einen sehr komplexen Prozess. Er bewirkt, dass selbst groteske Geschehnisse als „Normalität“ wahrgenommen werden könnten. Auch im Fall des Dritten Reichs ging die Anpassung des Einzelnen eben nur so weit, wie es ihm noch erträglich und für das reibungslose Funktionieren der politischen Ordnung erforderlich war. Es gab, wie Milton Mayer ausführte, nicht das eine schockierende Erlebnis, das alle hätte aufrütteln müssen (1).

Charlotte Beradt, die in Nazi-Deutschland nicht mehr beschäftigt wurde und 1939 nach England emigrieren konnte, hat ab 1933 Träume ihrer Mitbürger aufgezeichnet (2). Es sind Albträume von der zermalmenden Kraft mittels Verführung, Indoktrinierung, Drohung und Zwang arbeitender Mechanismen. In ihnen tauche empor, so Reinhart Koselleck, „die schleichende Anpassung an das neue Regime, die Unterwerfung aus schlechtem Gewissen, die Spirale der Angst, die Lähmung des Widerstandes, das Zusammenspiel von Henker und Opfer“ (3).

Zur „Normalität“ gehörte, dass der Terror der Nazis von den herrschenden Kreisen entweder ignoriert, nach dem Muster, „wo gehobelt wird, fallen Späne“, in Kauf genommen oder gar begrüßt, wenn nicht unterstützt wurde. Entsprechend glaubte Kurt Tucholsky, wie er in seinem Brief an Arnold Zweig Dezember 1935 wenige Tage vor seinem Tod festhielt, „an die Stabilität des deutschen Regimes — es wird von der ganzen Welt unterstützt, denn es geht gegen die Arbeiter“ (4).

Das wusste man zu schätzen. Elemente, die bei der Sicherstellung privatkapitalistischer Besitzstände sowie ihrer Vermehrung stören, können nicht geduldet werden. Damit war nach Hitlers Niederlage mit dem Kalten Krieg auch eine rigide Meinungskontrolle in öffentlichen Institutionen oder Medien vorgezeichnet. George Orwell wäre amused gewesen.

Der Roman „1984“ war nicht nur gegen den Bolschewismus oder Faschismus gerichtet. Im bezeichnenderweise erst 1972 erschienenen Nachwort zu seiner 1945 veröffentlichten Fabel „Die Farm der Tiere“ erinnerte Orwell daran,

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