Das Judentum verweist auf das Offene

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06-09-20 07:18:00,

Jürg Müller-Muralt / 06. Sep 2020 –

Die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur legt einen inspirierenden Essay rund um Antisemitismus und Identitätspolitik vor.

Es ist auffallend: Die gängigsten antisemitischen Klischees sind in sich völlig widersprüchlich. Man warf (und wirft) den Jüdinnen und Juden im Laufe der Geschichte die unterschiedlichsten Dinge vor – und jeweils das exakte Gegenteil davon. Sie seien zu reich und zu dominant – oder aber sie seien Schmarotzer, fielen der Allgemeinheit zur Last und seien zu unterwürfig. Sie seien die Träger der Weltrevolution – oder aber die grossen Strippenzieher des Finanzkapitalismus; sie bedrohten also das herrschende System – oder sie verkörperten es geradezu idealtypisch. Und: Sie mischten sich bis zur Unkenntlichkeit in Nationen – oder sie kultivierten das Unter-sich-Bleiben.

Schwierige Identitätssuche

Doch woher kommen diese skurrilen bis wahnhaften antisemitischen Stereotype? Klar ist: Einfach ist die Suche nach «der» jüdischen Identität nicht. «Was habe ich mit Juden gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam», sagte der Schriftsteller Franz Kafka. Und der französische Philosoph Jacques Derrida findet: «Wenn man zu wissen glaubt, was Jüdischsein bedeutet …, kann man sicher sein, dass es schon nicht mehr existiert, ja, dass es nie existiert hat.» Die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur wiederum hält fest: «Ich glaube nicht, dass mein Judentum erschöpfend durch das definiert wird, was der Antisemitismus aus ihm gemacht hat. Ich glaube nicht, nur deshalb Jüdin zu sein, weil die anderen mir diese Eigenschaft zuschreiben. Aber wenn ich darlegen müsste, worin das authentische Wesen meines Judentums besteht, seine spezifische Besonderheit, der harte, von aller historischer Kontingenz befreite Kern, käme ich in Schwierigkeiten.»

In ihrem Essay mit dem Titel «Überlegungen zur Frage des Antisemitismus» geht Delphine Horvilleur den Fragen nach der Identität nach: Was heisst es, jüdisch zu sein, ohne den definierenden Blick des Antisemiten? Wo liegen die Ursprünge des Antisemitismus? Horvilleur ist eine von drei Rabbinerinnen Frankreichs und eine der einflussreichsten Vertreterinnen des liberalen Judentums in Europa. Sie gilt auch als eine der bemerkenswertesten Figuren der zeitgenössischen französischen Intellektuellenszene.

Der Unterschied zum Rassismus

Allgemein wird Antisemitismus als spezielle Form des Rassismus verstanden. Die meisten Historiker, Soziologinnen, Theologen und Psychologinnen verorten die Ursprünge der Geissel des Antisemitismus in politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Ursachen. Horvilleur gräbt tiefer, sie steigt in biblische Texte ein, in die Thora und in die Rabbinische Literatur.

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