Eine Erzählung über die DDR – ohne Beschönigung und Verdammung

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06-09-20 07:15:00,

Ein ostdeutscher Filmregisseur hat einen Wunsch: Der Enge seines Landes zu entfliehen. Doch als die Grenzen offen sind, beginnt er die Erinnerungen an die Heimat zu sammeln, wie wertvolle Edelsteine. Von Ulrich Heyden, Moskau.

In seinem Buch „Werners wundersame Reise durch die DDR“ beschreibt der Filmregisseur Wilhelm Domke-Schulz das Leben von Werner, einem DDR-Werbefilmer. Werner, des Autors Alter Ego, erzählt in einer Art Selbstgespräch in kurzen, manchmal auch halben Sätzen, was ihm alles so durch den Kopf geht, wenn er an sein Leben in der DDR denkt.

Werner ist ein nachdenklicher Intellektueller und kein Herden-Tier. Nein, die „Revolution“ in der DDR, die hätte er niemals angezettelt. Er ist zurückhaltend und kein Anführer. Aber als er in Leipzig 1989 sieht, wie Stasi-Leute plötzlich auf der Straße Bürger mitnehmen, da forscht er, was los ist.

Zuerst kann er sich keinen Reim machen. Nach einigem Suchen stößt er schließlich auf Demonstranten vor der Nikolaikirche. Dort sagt einer, „wir brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land.“

Schon lange nagt etwas an seiner Seele

Werner fühlt sich instinktiv am richtigen Platz. Er weiß, dass sich in seinem Land irgendwas ändern muss, damit nicht alles den Bach runtergeht. Vor der Nikolai-Kirche wird über etwas gesprochen, was schon lange an seiner Seele nagt. Doch ihn plagen auch Angst-Attacken. In seinem Kopf tauchen Bilder auf, wie er von NVA-Kampfgruppen erschossen und auf dem Nikolaikirchhof plattgetrampelt wird.

Nach anfänglicher Begeisterung schwindet Werners Sympathie mit der Protestbewegung. Im Dezember 1989 sieht er auf dem Karl-Marx-Platz (heute Augustusplatz) eine Menge mit nagelneuen Deutschlandfahnen. Die Legefalten der dreifarbigen Tücher sind noch zu sehen. „Woher kommen die schnell?“, fragt sich Werner und ahnt, dass sie wohl nicht aus der DDR kommen.

Die Menge ist jetzt ganz anders drauf als zu Beginn der Proteste. Die Menschen rufen in breitem Sächsisch „Doidschlond, Doidschlond“. Auf Transparenten liest Werner „Höchststrafen für alle Staatsverbrecher!“ und „Rote Raus aus der Demo!“. Welche Roten sollen raus, etwa die, welche am 9. Oktober ihr Leben riskiert haben, weil sie für einen menschlichen Sozialismus auf die Straße gegangen sind?, fragt sich der Werner.

Die Enttäuschung über die vielgelobte Arbeiterklasse

Über die Arbeiterklasse der DDR spricht Werner mit Süffisanz. Staatliche Propaganda und die reale Arbeiterklasse, das sind zwei ganz verschiedene Sachen,

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