Arme Schweine. Eine Knochenmühle ist das System Tönnies für Tier und Mensch.

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10-09-20 11:43:00,

Besser arbeiten und „schöner wohnen“ mit Tönnies? Seit die Schlachthäuser des größten deutschen Fleischfabrikanten als Corona-Hotspots in die Schlagzeilen geraten sind, präsentiert sich Firmenboss Clemens Tönnies als Geläuterter: Werkverträge weg, Festanstellung für alle und lauschige Apartments statt Lagerhaltung. Aber wie echt und nachhaltig ist der Sinneswandel? Elmar Wigand von der „Aktion gegen Arbeitsunrecht“ traut den schönen Versprechen nicht. Im Interview mit den NachDenkSeiten rechnet er ab mit einem Geschäftsmodell, das außer den Machern nur Verlierer produziert – und eigentlich ein Fall für die Justiz sein müsste. Mit ihm sprach Ralf Wurzbacher.

Zur Person

Elmar Wigand
Foto: Aktion gegen Arbeitsunrecht

Elmar Wigand, Jahrgang 1968, ist Sprecher der „Aktion gegen Arbeitsunrecht – Initiative für Demokratie in Wirtschaft & Betrieb“. Der 2014 gegründete Verein mit Sitz in Köln leistet laut Eigendarstellung Aufklärungsarbeit und Kampagnenführung gegen aggressive Arbeitgeber und deren Netzwerke und berät Betriebsräte und Gewerkschafter in strategischer Konfliktführung. Den zugehörigen Blog arbeitsunrecht.de betreibt Wigand unter anderem mit dem Journalisten und Publizisten Werner Rügemer und der Campaignerin Jessica Reisner.

Herr Wigand, wie unlängst das „Handelsblatt“ berichtete, buhlt das US-Onlineversandhaus Amazon um Beschäftigte des deutschen Schlachtereigiganten Tönnies. Amazon suche demnach für seinen neuen Logistikstandort in Oelde noch 500 Versandmitarbeiter und werbe mit Flugblättern und Radiospots im Kreis Gütersloh gezielt um Abwanderungswillige des nahen Tönnies-Stammwerks in Rheda-Wiedenbrück. Würden Sie den Betroffenen zum Wechsel raten?

Der Beitrag im „Handelsblatt“ ist von atemberaubender Unkenntnis. Ich vermute, dass hier keinerlei Eigenrecherche betrieben wurde, sondern nur die PR-Abteilung von Tönnies und zwei Gewerkschaftssekretäre von Ver.di und der NGG geredet haben. Tönnies jammert jetzt herum, dass ohne Werkverträge die Arbeitskräfte knapp würden. Ich dachte, wir leben in einer Marktwirtschaft. Dann müssten sie halt mehr zahlen und vor allem bessere Bedingungen schaffen! Aber wie auf magische Weise gelten die angeblichen Marktgesetze wohl nicht, wenn es um Lohndumping geht.

Sie zweifeln also an der Geschichte?

Dass rumänische Wanderarbeiterinnen und -arbeiter jetzt durch Amazon angeworben werden, glaube ich erst, wenn sie mit Flyern auf Rumänisch angesprochen werden. Die Arbeit für Amazon erscheint mir weitaus anspruchsvoller als die für Tönnies. Da sind gute Deutschkenntnisse und eine Vertrautheit mit hiesigen Gepflogenheiten sicher von Vorteil: um die Waren zu unterscheiden und die komplizierten, ständig wechselnden Vorgaben des Managements zu verstehen. Amazon sucht weltweit bevorzugt ehemalige Soldaten und Soldatinnen.

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