Verunreinigtes Königreich

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10-09-20 12:10:00,

von Sarah Gangoli und Bob Gill

Einem rational denkenden Menschen würde sich eigentlich die Frage stellen, warum es Großbritannien in der Covid-19 Pandemie so schlecht ergeht. Es ist ja ein reiches Land und weltweit die sechstgrößte Wirtschaftsmacht mit einer stolzen Geschichte des Gesundheitswesens und einem staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS), der aus der Asche des Zweiten Weltkrieges erstanden ist. Dieser bildet die wesentliche Säule des Wohlfahrtstaates, indem er für alle Bürger allgemeine und umfassende Vorsorge und Fürsorge bietet, unabhängig von deren Geldbeutel.

Trotz dieser guten Ausgangslage gibt es schätzungsweise eine Übersterblichkeit von mehr als 50.000 Menschen, womit Großbritannien an zweiter Stelle steht nach den USA, wo weltweit die höchste Übersterblichkeit zu verzeichnen ist.

Um diese Katastrophe richtig einzuordnen ist es notwendig, die neoliberalen Reformen zu verstehen, die diesen Gesundheitsdienst über Jahrzehnte stetig verändert haben. Nach beinahe 27 Jahren unmittelbarer Erfahrung und genauer Beobachtung dieses heimtückischen Prozesses sind wir als Allgemeinmediziner und NHS-Ärztin schockiert, allerdings auch nicht überrascht.

Zwei Jahre nach der globalen Finanzkrise von 2008 startete die Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten ihr Sparprogramm. Dieser Plan war von wirtschaftlicher Ignoranz geprägt, indem er den abwegigen Vergleich unternahm zwischen Makroökonomie und den Finanzen eines Privathaushaltes, ein Ansatz, den die frühere Premierministerin Margaret Thatcher populär gemacht hatte.

Eine getäuschte Öffentlichkeit nahm ihnen dieses Narrativ ab, und mit ihm die Stagnation in der Lohnentwicklung und Einschnitte im Bereich öffentlicher Dienstleistungen: durch eine monumentale Lüge wurde die Schuldenlast, die durch Bankenrettungen entstanden war, auf den Schultern der Schwächsten abgeladen. Für den NHS bedeutete dies ein Jahrzehnt der Kürzungen bei den Finanzmitteln und eine Verringerung des historischen durchschnittlichen jährlichen Zuwachses bei den Gesundheitsausgaben von vier Prozent auf ein Prozent. Gleichzeitig wurde der NHS weiterhin umstrukturiert in einem seit den 1970er Jahren andauernden Prozess, der sich aber unter dem Schutzmantel der Sparpolitik beschleunigte.

Marc Britnell, der ehemalige NHS-Generaldirektor für die Auftragsvergabe, erklärte dies im Jahre 2010 so:

„In Zukunft wird der NHS eine staatliche Versicherung sein, und nicht nur ein staatlicher Lieferant und Retter. In Zukunft wird es jedem interessierten Anbieter aus dem privaten Sektor möglich sein, Güter und Dienstleistungen an das System zu verkaufen. Der NHS wird keine Gnade erfahren, und die beste Gelegenheit, dies auszunutzen, wird in den nächsten paar Jahren bestehen.“

Der Health and Social Care Act von 2012 stellte sicher,

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