Wirre Rede, kurzer Sinn | KenFM.de

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12-09-20 04:47:00,

Von Dirk C. Fleck

Die einzige Möglichkeit, die Unvernunft zu überwinden, ist, alt zu werden, hat Orson Welles einmal gesagt. Ich bin alt geworden, 77 Jahre, um genau zu sein. Aber wenn ich mich, was allerdings immer seltener geschieht, auf eine Diskussion einlasse, oder auch nur auf ein Gespräch unter Bekannten, rede ich unvernünftig und wirr, wie meine Gesprächspartner nicht müde werden zu betonen. Dass erschreckt mich, denn immer wenn dieser Vorwurf erhoben wird, bin ich der Meinung, besonders überzeugend gewesen zu sein. Auf Nachfrage sagt man mir häufig, dass ich nicht bei der Sache bleibe, immer wieder abschweife, mir selbst widerspreche, um das eigentliche Thema schließlich ganz in den Hintergrund zu rücken. Wow! Das kann nicht unbeantwortet bleiben.

Wirr. Oder auch verworren, chaotisch, konfus, unübersichtlich, verwickelt, durcheinander. Das Substantiv von wirr ist übrigens Wirrnis, es ist feminin, was mich ein wenig beruhigt. Es wird mit Verworrenheit im Denken in Bezug gebracht, die wiederum nur dem Wirrkopf zu eigen ist, der seiner Wirrsal erliegt, also dem Wahnsinn schlechthin, welcher für alle Tragödien und Mythen der Weltliteratur unabdingbar war. Im Gegensatz zu meinen Mitmenschen muss ich aus diesem Napf einige Löffelchen zu viel zu mir genommen haben, anders ist das Unverständnis nicht zu erklären, auf das die meisten meiner Worte inzwischen treffen.

Momentan ist doch Corona-Zeit, richtig? Also rutschten mir vor ein paar Tagen bei einem Maskenball in der U-Bahn folgende nicht gerade leise gesprochenen Sätze gegenüber einer Freundin hinaus: Mir ist unerklärlich, mit welcher Arroganz die Spezies Mensch, die im entkleideten Zustand auf dem ästhetischen Niveau von Nacktmullen anzusiedeln ist, sich über alle anderen Lebewesen erhebt. Das kann nur mit ihrem Unverständnis gegenüber dem filigranen Netzwerk der Natur zu tun haben. Und da der Mensch die Natur nicht versteht, begreifen ihn seine Viren und Parasiten besser als er sich selbst …“

Kess und provokant, zugegeben. Ich schaute in die mühsam gezähmten Gesichter der Umstehenden und empfand so etwas wie Mitleid.

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