Gralshüter des Journalismus

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17-09-20 01:46:00,

von Tim Schwab

Im August 2019 berichtete NPR (National Public Radio, ein Zusammenschluss von etwa 800 nicht kommerziellen Hörfunkstationen in den USA) von einem Projekt der Harvarduniversität, das einkommensschwachen Familien helfen soll, sich in wohlhabenderen Gegenden anzusiedeln, sodass ihre Kinder Zugang zu besseren Schulen bekommen und später Gelegenheit, „den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen“. Nach den in dem Beitrag zitierten Forschern könnten diese Kinder im Laufe ihres Lebens ein um 183.000 US-Dollar höheres Einkommen erzielen — eine bemerkenswerte Prognose für ein Wohnungsbauprogramm, das sich noch im Experimentalstadium befindet.

Wenn Sie beim Lesen ein bisschen blinzeln, dann fällt Ihnen auf, dass jeder zitierte Experte mit der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung in Verbindung steht, die das Projekt mitfinanziert. Und wenn Sie wirklich genau hinschauen, finden Sie vielleicht auch am Ende den Hinweis des Redakteurs, dass NPR selbst Fördergelder von Gates erhält.

Die Förderung von NPR durch Gates „hatte keinen Einfluss, warum oder wie wir die Geschichte gebracht haben“, betont die Journalistin Pam Fessler und fügt hinzu, dass ihre Berichterstattung weit über die in ihrem Artikel zitierten Stimmen hinausreicht. Nichtsdestoweniger ist die Geschichte eine von Hunderten Beiträgen des NPR über die Gates-Stiftung oder die von ihr finanzierten Projekte, die überwiegend positiv und aus der Perspektive von Gates oder seiner Geförderten geschrieben sind.

Darin erkennt man einen übergreifenden Trend und ein Ethikproblem — durch die Finanzierung von Nachrichten durch philanthropische Milliardäre. Die Broad-Stiftung, die die sogenannten Charter Schools (1) fördert, hat damals auch die Berichterstattung der LA Times über das Schulwesen mitfinanziert. Charles Koch spendete für journalistische Institutionen wie das Poynter-Institut oder Nachrichtenorganisationen wie die Daily Caller News Foundation, die seine konservative Politik unterstützen. Und die Rockefeller Stiftung finanziert das Vox-Projekt „Future Perfect“, das „durch die Lupe des effektiven Altruismus“ über die Welt berichtet — oft mit Blick auf die Philanthropie.

Während Philanthropen zunehmend die Finanzlöcher von Nachrichtenorganisationen stopfen — eine Rolle, die sich infolge des nach der Corona-Pandemie zu erwartenden Konjunktureinbruchs mit ziemlicher Sicherheit ausweiten wird —, machen sich wenige darüber Gedanken, wie das die Berichterstattung über ihre Wohltäter beeinflussen wird.

Nirgends ist diese Sorge berechtigter als bei der Gates-Stiftung,

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