Schlafende Justiz

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17-09-20 03:10:00,

Die Garantie der Menschenwürde in Artikel 1 des Grundgesetzes drückt aus, was in Deutschland nie mehr vergessen werden soll und was gleichzeitig aber auch die Grundlage jeder menschlichen Zivilisation ist: Jeder Mensch ist ein Individuum mit einer angeborenen Würde, und der Staat muss ihn in dieser Eigenschaft jederzeit und ohne Ausnahme respektieren und schützen. Dies ist das einzige Grundrecht des Grundgesetzes, das nicht eingeschränkt werden kann, es ist oberstes Verfassungsprinzip.

Um zu verstehen, was „Menschenwürde“ meint, ist es hilfreich, wenn wir uns das dahinterstehende Menschenbild anschauen. Bereits Jesus war der Ansicht, dass jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit von Gott erschaffen und geliebt wird. Er hat sich unermüdlich dafür eingesetzt, diese Einzigartigkeit zu achten und ihr mit Liebe und Respekt zu begegnen. Der chilenische Neurobiologe und Konstruktivist Humberto Maturana sieht in einer solchen gegenseitigen Annahme und in der Akzeptanz der Unterschiedlichkeit — er spricht vom „absurden Anderen“ — das tragende Prinzip für Menschlichkeit. Für ihn bilden wir alle durch den — sprachlichen — Austausch eine gemeinsame Bewusstseinswelt, obwohl jedes einzelne Individuum seine eigene, für sich „richtige“ Realität hervorbringt.

Die Überzeugung, dass jeder Mensch als gleichwürdig zu betrachten ist, stellt für unsere abendländische Gesellschaft etwas vergleichsweise Neues dar. Ansätze des Menschenwürdeprinzips finden sich zwar bereits in der Philosophie der römischen Antike. Östliche Lehren hingegen — Buddhismus und Konfuzianismus — waren an diesem Punkt bereits weiter fortgeschritten.

Unser Kulturraum benötigte leider weitere 2.000 Jahre — absurderweise obwohl man sich im Religiösen auf Jesus berief —, bis das Bild einer gleichwürdigen Persönlichkeit deutlicher wurde. Entscheidend trugen die Denkerinnen und Denker der Aufklärung dazu bei. In völkerrechtlicher Form wurde die Idee der Menschenwürde allerdings erst im Jahr 1948 — vor dem Hintergrund der Erfahrungen von 1933 bis 1945 — von der UNO-Vollversammlung formuliert. Man war sich insofern einig, als dass nun klar war, was Achtung der Menschenwürde nicht bedeutet. Doch was macht diese menschliche Eigenschaft der Würde im Positiven aus?

Menschenwürde ergibt nur dann einen Sinn, wenn es einen sozialen Kontext gibt. Gäbe es nur einen einzigen Menschen, so würde dieser zwar seine Würde nach moderner Definition von sich aus besitzen, er würde dieser aber nicht bedürfen, da es niemanden außer ihn gäbe, der sie achten könnte.

Wenn es also um gegenseitige Achtung geht, geht es auch um den Aspekt der gegenseitigen Wahrnehmung.

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