Liebe Reichsbürger, ich hätte da eine Bitte!

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18-09-20 12:50:00,

Spätestens nach dem in letzter Sekunde von tapferen Berlinern Schupos verhinderten „Sturm auf den Reichstag“ ist klar: Nicht die Umverteilung von unten nach oben, der alltägliche marktkonforme Wahnsinn oder die immer aggressiver werdende Hurra-Humanismus des Wertewestens bedrohen die Grundfeste unserer Gesellschaft, sondern ein Häufchen verwirrter Heilpraktiker, die denken, das Kaiserreich hätte immer noch Bestand. Dabei sind die medial omnipräsenten Reichsbürger nur die skurrile Spitze eines Eisbergs, der bei unseren schlaueren Mitbürgern, zu einem sorgsam von den Medien konditionierten Reiz führt – sobald so ein Verschwörungstheoretiker, ein Trump- oder Putin-Fan oder – Gott bewahre – ein rechtsoffener oder gar rechtspopulistischer Rechtsextremist etwas vor sich hin schwurbelt, ist dies für die Stützen der Demokratie der ultimative Beleg dafür, dass das genaue Gegenteil richtig sein muss. Denn wer will sich schon mit solchen Leuten gemein machen? Diese „Deppen-Dialektik“ bietet – geschickt eingesetzt – eine große Chance, endlich was in dieser Gesellschaft zu bewegen. Eine Glosse von Jens Berger.

Sobald auf einer Demo ein Hanswurst mit einer schwarz-weiß-roten Flagge gesichtet und nicht sofort von anderen Demonstranten gelyncht wird, steht fest: Diese Demo ist mindestens rechtsoffen, wenn nicht sogar was Schlimmeres. Das Praktische daran: Sobald der Gesinnungs-TÜV aufgrund solcher unentschuldbaren Vorkommnisse verweigert werden kann, spielen die Inhalte keine Rolle mehr. So geschehen bei den „Corona-Demos“ in Berlin und anderen Städten, so geschehen allerdings auch schon bei der Großdemonstration gegen das Handelsabkommen TTIP, bei der vor fünf Jahren eine viertel Millionen Menschen in Berlin den Aufruf von Gewerkschaften und Umweltverbänden folgten. Da darunter jedoch auch eine Handvoll „ganz Brauner“ waren, attestierte der SPIEGEL der Demo und damit auch deren Forderungen eine „im Kern eine dumpf nationalistische Geisteshaltung“. Vollkommen klar, wenn so ein „ganz Brauner“ sagt, es regnet, muss die Sonne scheinen und wenn die AfD eine Verbesserung der Beziehungen zu Russland fordert, muss man als aufrechter Demokrat eine Verschlechterung der Beziehungen zu Russland fordern. Die beliebte Deppen-Dialektik ist halt losgelöst vom Inhalt und schon das „Ditfurth-Theorem“ besagt: Wenn Menge A sagt, Aussage B ist richtig und ein Wirrkopf oder Rechter Bestandteil der Menge A ist, gilt – Aussage B ist falsch. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Dummerweise begibt es sich aber zu dieser Zeit, dass die Deppen-Dialektik stets nur dann Anwendung findet, wenn es um Forderungen und Aussagen geht, die dem Gruppenbekenntnis der in der Berliner Blase versammelten Altvorderen aus Politik und Hauptstadtjournalismus zuwiderlaufen.

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