Moria – warum es war, wie es war

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18-09-20 12:26:00,

Flüchtlingslager Moria vor dem Brand. Bild (2017): OSCEPA/CC BY-SA-2.0

Anmerkungen zur europäischen Migrations- und Flüchtlingspolitik

Der folgende Text ist das Ergebnis einer abendlichen Fortbildungs- und Diskussionsveranstaltung in Augsburg am 12. September mit jungen Erwachsenen türkischer, polnischer, serbischer und deutscher Abstammung anlässlich des Feuers, das Europas größtes Flüchtlingslager “Moria” auf der Insel Lesbos in Griechenland in Schutt und Asche gelegt hat. Doch selbst die Rede vom “Flüchtlingslager” gegenüber der offiziellen Wortschöpfung “Registrierungs- und Aufnahmezentrum” für Moria und all den anderen in Griechenland, Deutschland und Europa eingerichteten Flüchtlingslagern gibt nur erheblich eingeschränkt wieder, was Moria in Wirklichkeit war und, dies vor allem: warum das Flüchtlingslager Moria fünf Jahre lang so, genau so und nicht anders war, wie es eben war. Dieses Warum bedarf einer Klärung.

Die Erde ist klein. Wem die Mächtigen in den Ländern nicht hold sind, der findet keine Heimat, sie schenken ihm keinen Paß, vor dem ihre Beamten salutieren, und er wird, auf seiner Wanderschaft ertappt, nachts über andere Grenzen geschoben, in Länder, in denen er auch keine Stätte hat. Nirgends ist für ihn Raum. Wenn anständige Leute nachts eine Grenze passieren, geben sie am Abend vorher dem Kontrolleur des Schlafwagens Billet und Paß und äußern den berechtigten Wunsch, bei Kontrolle nicht geweckt zu werden. Gott hat sie lieb.

Max Horkheimer, 1932

1. Von Flüchtlingen und Lagern

Dass auch Flüchtlinge Menschen sind, ist zwar fraglos, aber dennoch zu betonen: Werden Flüchtlinge auf ihrer Wanderschaft, die nichts als Flucht ist, auf frischer Tat ertappt, verfrachten befugte Hüter der Ordnung sie zu Orten, die reine Lager, Massen-Lager sind: Dingen, beliebigen Objekten gleich, sind sie dort, in diesen Massenlagern, in peinlichster Buchhaltermanier auf rechtsstaatliche Weise von den Beamten zu identifizieren, zu registrieren und in die entsprechenden Register einzutragen.

Dass vor Flüchtlingen kein Beamter salutiert, versteht sich also von selbst: Ist es doch ein Flüchtling, dem als solchen auch noch das Siegel des Unerlaubten und Verbotenen auf der Stirn eingebrannt ist. Denn das Verbotene zu tun, ist dem Fliehenden vom ersten Schritt an in die Flucht wie ein Naturmerkmal aufgeherrscht, obgleich keiner Flucht auch nur ein Jota Natur innewohnt. Fliehen heißt, auch unter größter Lebensgefahr staatlich gesetzte Grenzen zu umgehen, zu überwinden, obwohl die dem Flüchtenden als Grenzschilder, Grenzschutzbeamten, NATO-Stacheldrahtzäune,

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