Alle krank?! | Von Anselm Lenz | KenFM.de

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23-09-20 08:57:00,

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Die Krankschreibung der ganzen Gesellschaft kann auch als spätes Kulturphänomen der gescheiterten Revolution von 1968 gedeutet werden. Derweil inszeniert das Bundespräsidialamt einen Kritikertisch — und will demnächst dem Angstmacher der Nation, Christian Drosten, das Bundesverdienstkreuz umhängen.

Ein Standpunkt von Anselm Lenz.

So richtig hatte es damals nicht klappen wollen und so ganz war es vielleicht gar nicht gewollt worden: Die westlichen Revolutionäre des Jahres 1968 probten den Aufstand ausgerechnet in jenen Jahren, in denen sich tatsächlich einmal die Verheißung von Freiheit und Gleichheit einzulösen schien: Bildung für alle und die Öffnung der Universitäten, Lohnsteigerungen, Vollbeschäftigung, die Möglichkeit, auch mit kleinen Jobs auszukommen und eine bescheidene, aber doch zählbare Vermögensbildung sogar für Hilfsarbeiter. Öffnung aller zivilen Berufe für Frauen, rechtliche Gleichstellung, Abschaffung der Kriminalisierung von Minderheiten. Das Versprechen des Aufstiegs in den bürgerlichen Lebensstil für alle, etwa mit Musikunterricht für die Kleinen.

Männer wie der spätere Außenminister Josef Fischer oder der ebenfalls nicht sehr friedliebende spätere Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit machten sich also zu einem Zeitpunkt zur letzten gesellschaftlichen Grenze auf, der sozialen Revolution, als sie selbst bereits in den Genuss aller Segnungen der Gesellschaftsform einer Republik und eines sozial engagierten Rechtsstaates gekommen waren. Die Türen standen ihnen offen. Sie entschieden sich, sie auch noch einzurennen.

Eine Technik, die in der Neoliberalen Epoche ab Anfang der 1970er Jahre zum gängigen Prinzip wurde: Wer ein Pöstchen erhaschen möchte, reklamiert ausschnitthafte Benachteiligungen, lässt aber alle substantiellen Fragen weg. So kann man seither mit Aussicht auf Karriere monieren, dass Frauen im Management der Rüstungsindustrie in der Minderzahl sind, nicht aber die Rüstung in Frage stellen. Es war zugleich die Zeit, in der es in Mode kam, Konkurrenten und politischen Gegnern allerlei Krankheiten zu unterstellen, am liebsten psychischer Art. Da wurde am WG-Küchentisch schon gern mal ein Vaterkomplex attestiert oder allerlei sexuelle Schwierigkeiten unterstellt. Irgendeine Minderwertigkeit wurde immer gefunden.

Den Gegner für krank zu erklären, wird seither mit immer neuen Begriffen aufgewärmt. Was heute dem Hanns Guck-in-die-Luft der Kondensstreifen am Firmament, ist dem Politruck sein Aluhut im jährlichen Poesiealbum des Inlandsgeheimdienstes: Im Grunde sind Staatsfeind und Politfunktionäre eine sich gegenseitig erhaltende Verbindung eingegangen.

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