kontertext: Extremisten der Mitte

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23-09-20 08:25:00,

Christoph Wegmann

Christoph Wegmann / 23. Sep 2020 –

Im Moment herrscht ein extremes Gedränge in der politischen Mitte. Was eigentlich ist alles drin, wo Mitte draufsteht?

Ende 2019, als alle Welt noch über die Klimakrise debattierte, konnte man beobachten, wie eine grün vermummte Gestalt das riesige C des CDU-Logos von der Berliner Parteizentrale wegtrug – eine Greenpeace-Aktion gegen die laue Klimapolitik der Regierung. An der Fassade blieb ein lautes «DU» stehen. In der Schweiz wiederholt sich nun die Szene, hier ist aber der CVP-Präsident Gerhard Pfister ganz ungetarnt selber der C-Dieb und hinterlässt ein rätselhaftes «VP».

Bald nach seiner Wahl zum Parteipräsidenten (2016) bescherte uns der Zuger Nationalrat eine Wertedebatte auf den Grundfesten des jüdisch-christlichen Abendlandes (NZZ 8.10.2016, S. 15), und ein Jahr später proklamierte er vor einem prächtig geschmückten Weihnachtsbaum das Christentum zur lautersten Quelle der Aufklärung: «Die Aufklärung ist letztlich ein christlicher Gedanke», (Luzerner Zeitung, 24.12.2017 ). Nur ungern möchte ich mir die Aufklärung von Herrn Pfister durch das Christentum austauschen lassen, denn ich halte es eher mit Theodor Fontane, der in höherem Alter einem Freund schrieb: «Das Bedenkliche am Christentum ist, dass es beständig Dinge fordert, die keiner leisten kann, und wenn es mal einer leistet, dann wird einem erst recht angst und bange.»

Der christliche Pfister («Die Schweiz ist und bleibt christlich», ideaSpektrum Mai 2020) möchte nun also aus «VP» und «BDP» ein «MITTE» werden lassen – oder etwas Ähnliches: «Ich habe keine Präferenz – ich will nur den Erfolg» (Der Bund, 15.2.2020), meint er und verhehlt nicht, aus rein wahltaktischen Gründen das C streichen zu wollen. Sein engster Geschäftspartner in dieser Fusion, BDP-Präsident Martin Landolt, spricht ohnehin von «MARKE».

Dichtestress in der Mitte

Nun stellt sich aber das Problem, dass sich in der Schweizer Parteienlandschaft neben CVP und BDP mindestens noch vier weitere Parteien (FDP, Liberale, GLP, EVP) tummeln, die für sich in Anspruch nehmen, in der Mitte zu stehen, was einen ziemlichen Dichtestress verursacht. Laut Duden ist die Mitte ein «Punkt oder Teil von etwas, der von allen Enden oder Begrenzungen gleich weit entfernt ist», im Idealfall also das Zentrum eines Kreises oder die mittlere Proportionale. Alle diese Parteien auf einem solch idealen Mittelpunkt versammeln wollen,

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