Brücken statt Mauern

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25-09-20 04:11:00,

Vierzig Jahre gab es Deutschland praktisch zwei Mal. 28 Jahre lang standen sich die beiden Staaten schwer bewaffnet gegenüber. Die innerdeutsche Grenze trennte nicht nur Ost und West, sondern auch viele Familien. Sie prägte Schicksale.

Dann kam — vor 30 Jahren — die Wiedervereinigung. Seitdem wurde viel Geld investiert in den „Aufbau Ost“, seitdem reisen alle Bürger im vereinigten Deutschland ungehindert nach hüben und drüben und wählen Volksvertreter aus einer langen Liste von Parteien in die Parlamente.

Und doch bestehen noch immer gravierende Unterschiede zwischen Ost und West, mitunter vertiefen sie sich auf neue Weise.

Zahlreiche Statistiken belegen das: Die Arbeitslosenrate ist in Ost deutlich höher als in West (1). Umgekehrt verhält es sich mit der Vermögensverteilung: Das private Pro-Kopf-Vermögen ist im Westen mehr als doppelt so hoch wie im Osten.

Nur 2,8 Prozent aller heutigen hohen Entscheidungsträger wuchsen im Osten auf (2). Dass die Kanzlerin aus Ostdeutschland kommt, wirkt da schon fast wie ein Ausrutscher in der jüngeren Geschichte. Tatsache ist, dass Ostdeutsche auch in den neuen Bundesländern nur selten viel zu sagen haben.

Auch menschlich blieb man sich bisweilen fremd. Die vielen Jahre der Zweistaatlichkeit, die unterschiedlichen Erfahrungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft prägten die Bürger in Ost und West, und diese Prägungen sind es, die gegenseitiges Verstehen noch immer erschweren, ja manchmal sogar verhindern.

Auf beiden Seiten gibt es Vorurteile. Und Medien, die ebenfalls weitgehend von westdeutsch sozialisierten Akteuren besetzt sind, pflegen und fördern diese häufig. Die emotionale Spaltung des Landes scheint ihnen geradezu am Herzen zu liegen, vielleicht ja auch, weil sich damit Schlagzeilen und „Klicks“ generieren lassen. „Ossi“-Schelte, manchmal gar -Häme kann verspüren, wer medial immer wieder über die „Rückständigkeit der Ostdeutschen“ belehrt wird. Dies bleibt nicht ohne Folgen: Auch im Osten existieren entsprechende Pauschalurteile den Westdeutschen gegenüber. Selten fallen sie positiv aus.

Warum also dieses Buch? Genau darum: Weil Politik und Wirtschaft den einst zwangsweise angestoßenen Prozess der deutschen Wiedervereinigung und des Zusammenwachsens nicht weiterbringen können.

Einander näherbringen kann uns nur die Kultur, die Literatur, die Tradition des Erzählens, des Zuhörens und des sich Erklärens. Hier ist jeder und jede Einzelne gefordert.

Wir — die Herausgeber dieses Buches — machen gerade im jetzigen Jubiläumsjahr die Erfahrung: Wo Menschen sich füreinander öffnen, Neugier zeigen, zuhören,

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