Die Kita als Kaserne

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25-09-20 04:11:00,

Hatte man als PädagogIn in den vergangenen zehn Jahren zuvor erlebt, dass „Bildung“ — vollkommen ins Gegenteil gedreht — nur noch als Prozess der Optimierung der kognitiven Funktionen im Sinne der Verwertbarkeit verstanden wurde, kam in Coronazeiten eine perfide Veränderung hinzu. Das bisschen Verständnis für kindliche Bedürfnisse und das Entwicklungsgeschehen, das bisschen Unterstützung durch empathische Erwachsenen, das bisschen Respekt vor kleinen Menschen ist auch noch verloren gegangen. Die „neue Normalität“ beinhaltet nämlich keine Fürsorge für die uns anvertrauten Kinder, sie verhindert sie jeden Tag.

Von offizieller Seite heißt es: Die Kinder müssen wieder den frühkindlichen Bildungsangeboten zugeführt werden! In Zweierreihen aufstellen, im Gleichschritt, Marsch!

Was hätten die Kinder denn gebraucht in den Zeiten des Lockdowns? Ihre Welt ist von einem auf den anderen Tag zusammengebrochen. Eltern, die nur noch über ein Thema reden — aufgeregte Eltern, gestresste Eltern, panische Eltern. Alle Alltagsroutinen, die ihnen Sicherheit vermitteln, wurden unterbrochen und chaotisch, bruchstückhaft und improvisiert, jeden Tag irgendwie rekonstruiert. Plötzlich sind beide Eltern zu Hause, aber die Großeltern und Spielfreunde sind verschwunden.

Unsägliche Geschichten werden aufgetischt und bis heute in ebenso unsäglichen Schriften den Kindern unter die Nase gerieben. Die Kinder können es schon lange nicht mehr hören. In unserer Kita hat es einen einzigen Satz zu Corona gegeben. Das war Ende April beim Frühstück. Ein vierjähriges Mädchen sagte: „Corona ist Scheiße. Das soll endlich aufhören.“ Alle anderen nickten und sagten gar nichts.

Die ersten Kinder, die in die Notbetreuung kamen, haben uns Erzieherinnen gemieden. Sie haben sich zurückgezogen in die letzte Ecke des verwilderten Gartens und haben stundenlang leise gespielt.

Wo blieb eigentlich die fachliche Diskussion darüber, wie Kinder aufgefangen werden können?

Es ging nur um die Sicherheit des Personals — und nur darum geht es bis heute. Die Kinder waren und sind aber nie eine Gefahr für die Erwachsenen gewesen. Wo bleibt die Aufarbeitung dessen?

Wie kann es sein, dass manche der Kitas und Grundschulen bis heute eine Art Kinderknast installiert haben und andere alles Erdenkliche tun, um den Kindern mit Verständnis und Wärme ein emotionales Klima zu schaffen, in dem gemeinsames Leben und Lernen erst wieder möglich wird?

Ein neunjähriges Mädchen geht mit der Großmutter — auf Abstand — spazieren. Die Oma bittet sie, einige Federn für Basteleien am Nachmittag aufzuheben.

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