Der dunkle Spiegel – Seit ich Edward Snowden getroffen habe, habe ich nie aufgehört, über meine Schulter zu schauen

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26-09-20 08:39:00,

Barton Gellman ist ein amerikanischer Journalist und Bestsellerautor. Er leitete die Berichterstattung der Washington Post über die Enthüllungen der Überwachungs- und Spionageaffäre. Dieser Text ist ein Auszug seines Buchs Dark Mirror. Die deutsche Übersetzung Der dunkle Spiegel erscheint am 7. Oktober im S. Fischer Verlag. Alle Rechte vorbehalten. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

“Wie spät genau ist es auf Ihrer Uhr?“, fragte mich die Stimme am Telefon an jenem Nachmittag. Es waren die allerersten gesprochenen Worte, die Snowden an mich richtete. Ich schaute auf meine Armbanduhr – 15:22 Uhr. „Gut. Wir treffen uns um Punkt vier. Ich trage einen Rucksack.“ Na klar. Snowden würde seinen Laptop nicht unbeaufsichtigt lassen.

Der Treffpunkt, den Snowden für uns ausgewählt hatte, war ein grellbuntes Casinohotel namens Korston Club in der Kosygina-Straße in Moskau. Die riesigen blinkenden Farbwirbel an der Fassade waren wohl eine Hommage an Las Vegas. In der Lobby klimperte ein automatischer pompöser Flügel energiegeladene Popmusik.

Direkt hinter dem Eingang befand sich die in Neonlila gehaltene „Girls Bar“. Edelstahlstühle und Spiegel wetteiferten mit Paneelen in Holzoptik, Billigkopien von Perserteppichen und pulsierenden Stroboskopblitzen auf dreieinhalb Meter hohem Plastikblattwerk um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Federschmuck gab es auch. Es sah aus, als habe ein Tornado einen Anhänger mit Madonnas alter Bühnendeko umgekippt.

Laptop-Aufkleber von EFF und Tor

Während ich noch gegen die geballte Reizüberflutung ankämpfte, tauchte neben dem Flügel ein junger Mann auf. Sein Äußeres war auf dezente Weise so verändert, dass einem das weithin bekannte Gesicht nicht gleich auffiel. Irgendwo in dieser Zirkuslobby mochte sich ein Aufpasser herumdrücken, aber ich konnte keine Regierungseskorte entdecken. Wir begrüßten uns mit Handschlag und einem nachdrücklichen „Daumen hoch“, dann führte Snowden mich wortlos zu einem Aufzug im hinteren Bereich.

Mit einigen Sätzen Russisch für Touristen bestellte er kurz darauf vom Zimmerservice einen Burger, Pommes und Eis. Während der 14 Interviewstunden in den darauffolgenden zwei Tagen zog er nicht einmal die Vorhänge zur Seite oder setzte einen Schritt vor die Tür. Nach wie vor war er ein höchst interessantes Zielobjekt für die Geheimdienste nicht nur eines Landes. Er zog den Kopf ein.

Weil Snowden keinen Fotografen dabeihaben wollte, was die Sicherheitslage verkompliziert hätte, hatte ich eine gute Kamera mitgebracht. Er zog ein blassblaues Nadelstreifenhemd und einen dunkelgrauen Blazer an,

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