Europas Schandmal

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29-09-20 03:22:00,

Wladimir Sergijenko sympathisierte mit der Bewegung auf dem Maidan. Der 1971 geborene Westukrainer hatte als junger Mann schon die Ablösung seines Heimatlandes von der Sowjetunion im Jahr 1991 sowie die „Orange Revolution“ von 2003/2004 begrüßt. Und so unterstützte der inzwischen in Berlin lebende Schriftsteller Ende 2013 auch die erneuten Proteste auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew: „Mein Herz schlug damals für die Leute auf dem Maidan. Die deutschen Medien machten es mir mit meiner Parteinahme leicht“, schreibt Sergijenko in seinem neuen Buch „Europas offene Wunde“.

Die großen deutschen Medien präsentierten die Demonstranten als entschlossene, idealistische Menschen, die von selbstlosen Politikern des Westens mit Keksen und wärmenden Worten unterstützt wurden. Der Protest sei friedlich, hieß es. Die militanten Kräfte schützten die Demonstranten nur gegen die brutalen Übergriffe der Polizei. Auch als die Leute auf dem Maidan später Schusswaffen einsetzten, verteidigten die deutschen Medien dies mit der revolutionären Lage, die inzwischen in der Ukraine herrsche.

Sergijenko hatte da aber schon erste Zweifel bekommen. Er fuhr nach Kiew und machte sich sein eigenes Bild vom Maidan. Nach einem von mehreren winterlichen Tagen im Zentrum der Proteste stieg er mit vielen jungen Leuten in die Kiewer Metro. Diese begannen in der U-Bahn euphorisiert zu hüpfen. Dabei riefen sie „Wer nicht springt, ist ein Moskal.“ — eine äußerst abfällige Bezeichnung für Russen. Sergijenko war von dieser Szene negativ überrascht.

„Sie hüpften nicht aus Protest gegen Janukowitsch, nicht gegen die Korruption, gegen all die Ärgernisse, die sie auf dem Maidan hatten zusammenströmen und im heiligen Zorn ihren Unmut zeigen lassen. Nein, sie sprangen, um nicht als moskauhörig und russenfreundlich zu gelten. Das war dümmlicher Nationalismus, wie ich ihn bisher in der Ukraine nicht erlebt und auch nicht erwartet hatte.“

Diese jungen Leute, mehrheitlich Studenten, identifizierten sich doch mit dem toleranten Europa. Wie passte das zusammen? Der Nationalismus gerade bei jungen Ukrainern verstärkte sich mit und nach dem Maidan. Obwohl sich die damaligen Proteste in der Ukraine gegen einheimische Politiker richteten, spielten die politischen Anführer von Beginn an immer wieder die anti-russische Karte.

Die Proteste spalteten das Land. Erst in den Köpfen, später auch ganz real mit kriegerischen Auseinandersetzungen. Krise, Krieg und Feindbildpflege haben den Nationalismus seit damals immer mehr wachsen lassen, was heute erschreckende Ausmaße angenommen hat.

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