Tödliche Krönung

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30-09-20 06:43:00,

Um die Situation der heutigen Medizin verstehen zu können, müssen wir auf ihre Wurzeln zurückblicken. Im 17. Jahrhundert vollzog die Medizin erste Schritte zu einer wissenschaftlichen, sich der Gesetze der Logik bedienenden Disziplin. Sie folgte dabei dem Gedankengebäude, das René Descartes (von 1596 bis 1650) entwickelte.

Das sogenannte kartesische Paradigma war ein an der Technik orientiertes Denken. Für Descartes waren biologische Modelle ein wesentlicher Bestandteil seiner Philosophie. Er reduzierte den lebenden Organismus auf dessen Mechanik: „mechanistischer Denkansatz“. Er beschreibt den Menschen als „Gliedermaschine“, also als mechanischen Apparat, dessen Funktionsweise man beispielsweise mit einem Uhrwerk oder einer Maschine vergleichen kann.

Um bei dem Beispiel des Uhrwerks zu bleiben: Funktioniert ein solcher Apparat nicht mehr, muss man versuchen, durch Aufteilen einzelne Teile, zum Beispiel Zahnräder oder Federn, zu ermitteln, die die Funktionsstörung verursacht haben. Dann wird das schadhafte Teil repariert, ausgetauscht oder ersetzt. Die gesamte Maschine funktioniert danach wieder.

Diesem Denken folgte damals die Medizin in vollem Umfang. Die ersten Leichensektionen ließen erkennen, dass man den Menschen unterteilen kann: zum Beispiel in Organe, die einzelne Aufgaben im Körper erfüllen. Diese Aufteilung ging — mit immer besseren Möglichkeiten in der Medizin — weiter.

Der größte medizinische Erfolg im 19. Jahrhundert war die Entdeckung der menschlichen Zelle. Rudolf Virchow (von 1821 bis 1902) begründete die Zellularpathologie, nach der Krankheiten auf Störungen der Körperzellen beziehungsweise ihrer Funktionen zurückzuführen sind. Als Krankheitskonzept ersetzt sie die seit der Antike gültige Humoralpathologie, die Säftelehre im Mittelalter, und ist damit für eine umfassende Umwälzung in der Vorstellung von Krankheitsentstehung und Krankheit im Allgemeinen verantwortlich.

Paul Ehrlich (von 1854 bis 1915) gelang dann die Anfärbung einzelner Zellen. So konnte er zum Beispiel Leukozyten, genauer gesagt Mastzellen, anfärben und identifizieren. Bis zu dem Gedanken, nicht nur Leukozyten, sondern auch Bakterien anzufärben und den Farbstoffen giftige Eigenschaften zu geben, war es nur noch ein kleiner Schritt: Das erste Chemotherapeutikum — das allerdings mit schweren Nebenwirkungen einhergehende und aus mehreren Arsenverbindungen bestehende Salvarsan gegen die Syphilis — war gefunden.

Drehscheibe der gesamten Forschung war und ist die Zelle. Bis heute bedient sich die medizinische Wissenschaft des kartesischen, aufteilenden Denkmodells, das seinen Höhepunkt in der Entdeckung der Zelle hat. Völlig folgerichtig deshalb die Entdeckung der Medikamente, die als Wirkprinzip diese Zellen abtöten: Antibiotika die Bakterien,

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