Das Wiedervereinigungs-Projekt

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03-10-20 01:46:00,

Wir feiern den Tag der deutschen Einheit, während die Gesellschaft in der Corona-Krise gespaltener denn je scheint. Umso hilfreicher ist vielleicht die Erinnerung an die Idee der Einheit. Eine der Hauptaufgaben für eine lebenswerte Zukunft besteht darin, uns trotz unserer unterschiedlichen Meinungen und Prägungen als Menschen zu begegnen und uns nicht trennen zu lassen.

Der Mauerfall und die darauffolgende Wiedervereinigung wirkten damals und erscheinen auch heute noch wie ein Wunder: Wildfremde aus beiden Teilen Deutschlands fielen sich in die Arme, während die Welt gerührt zusah. Aufbruchstimmung und Euphorie.

Beides ist inzwischen längst verflogen. Verschiedene Systeme und Ideologien prallten aufeinander, Profiteure verdienten sich eine goldene Nase, während viele Menschen in den neuen Bundesländern ihre Arbeitsplätze und ihr Selbstwertgefühl verloren. Die Westdeutschen finanzierten mit ihren Steuern die Restaurierung ostdeutscher Städte, während sich in westdeutschen Kommunen Schlaglöcher und marode Brücken breit machten, so zumindest der gängige Eindruck (1, 2).

Die Technologien entwickelten sich weiter, und inzwischen werden wir mit Nachrichten und Informationen bombardiert, die bei uns den Eindruck erwecken, gut informiert zu sein und zu wissen, was in der Welt geschieht. Doch was nutzt uns vermeintliches Wissen über Geschehnisse und Missstände am anderen Ende der Welt, wenn wir noch nicht einmal vor der eigenen Haustür richtig aufräumen? Lenken sie uns nicht allzu oft vom Wesentlichen ab, während wir ihren Wahrheitsgehalt aufgrund der Ferne und Komplexität kaum überprüfen können?

So wissen wir zum Beispiel über die Menschen um uns herum und im eigenen Land sehr wenig, ohne dass viele von uns es überhaupt merken. Hätte es nicht einen viel größeren Einfluss auf unsere Gesellschaft, wenn wir unseren Fokus auf unsere eigenen Probleme lenken — zumindest ab und zu — und dadurch wirklich etwas verändern?

Ein Schritt in diese Richtung ist das neue und dritte Rubikon-Buch „Aufgewachsen in Ost und West“, das mit einem Aufruf am 9. November 2019 begann. In einem Artikel lud der Rubikon die Leser dazu ein, ihre eigenen Geschichten mitzuteilen — und zwar aus der DDR und aus der BRD vor 1990.

Als ich diesen Appell damals las, fiel mir zum ersten Mal auf, dass ich entgegen meiner Selbstwahrnehmung völlig ignorant war. Katrin McClean schrieb:

„Momentan kann man ja fast das Gefühl bekommen, die BRD hat es vor 1989 überhaupt nicht gegeben oder zumindest hat sich nicht das Geringste verändert.

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