Die Freiheitssimulation

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03-10-20 09:27:00,

Rainer Mausfeld: Der Westen verfügt über ein einzigartiges Arsenal höchst raffinierter psychologischer Manipulationsmethoden. Das wird seit mehr als hundert Jahren mit großen Forschungsanstrengungen entwickelt und verfeinert. In diesen psychologischen Techniken einer Bevölkerungskontrolle hat der Westen gegenüber dem Osten einen kaum vorstellbaren Forschungsvorsprung. Der Grund ist einfach: Kapitalistische Demokratien sind, wie man schon früh erkannte, wegen der freien Wahlen darauf angewiesen, bei den Wählern den Eindruck völliger Freiheit aufrechtzuerhalten und zugleich sicherzustellen, dass diese so wählen, wie sie wählen sollen.

Das ist machttechnologisch nur mit höchstem Aufwand zu bewältigen. Die dazu erforderlichen Methoden wurden mithilfe der Psychologie und der Sozialwissenschaften in vielen Jahrzehnten zur Perfektion entwickelt und in Dutzenden von Fällen im innen- und außenpolitischen Kontext erprobt. Hierüber gibt es eine große Menge an Literatur.

Auch die psychologischen Techniken der Kontrolle von Dissens sind in kapitalistischen Demokratien überaus subtil angelegt. Sie durchziehen alle Sozialisationsinstanzen. Dadurch sind sie für uns praktisch unsichtbar und im Normalfall auch kaum spürbar. Wir schwimmen gleichsam wie ein Fisch im Wasser in ihnen, ohne überhaupt eine Vorstellung von ihnen zu haben.

Seit den historischen Anfängen kapitalistischer Demokratien war den jeweiligen Machteliten klar, dass eine solche Herrschaftsform nur stabil sein kann, wenn man die tatsächliche Macht für die Bevölkerung weitestgehend unsichtbar macht.

Daher werden seit mehr als hundert Jahren Sozialtechnologien entwickelt, mit denen man die „verwirrte Herde“ so auf Kurs halten kann, dass sie dennoch überzeugt ist, frei und ohne Lenkung ihren eigenen Bedürfnissen zu folgen. Ein Projekt des Demokratiemanagements, das sich als immens erfolgreich erwiesen hat. Konkurrenzlos erfolgreich sogar. Dies alles ist also bereits seit langer Zeit in kontinuierlicher Anwendung. Auch für Extremsituationen, die eine besonders große Wirksamkeit in sehr kurzer Zeit erfordern, liegt ein Arsenal von Methoden seit Langem in der Schublade der ökonomischen und politischen Zentren der Macht.

1989 konnte man also sehr kurzfristig auf lang erprobte und höchst ausgefeilte Techniken zurückgreifen. Insofern überrascht es nicht, dass sie beim Zusammenbruch der DDR mit so durchschlagendem Erfolg ihre Wirksamkeit bewiesen haben. Doch bergen historische Situationen, in denen für die Mehrheit der Bevölkerung eine Lebensform und ein ganzes gesellschaftliches Weltbild zu Bruch gehen, trotz ausgefeilter psychologischer Kontrolltechniken ein beträchtliches Restrisiko für die Wirksamkeit westlicher Manipulationsversuche. Denn die Dynamiken, mit denen sich neue Identitäten und Solidaritäten bilden, sind kaum vorhersehbar und damit nur schwer kontrollierbar.

Damals zerfielen ganze Werteordnungen,

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