Der Staatsfeind Nr. 1

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08-10-20 03:49:00,

von Dennis J. Bernstein

Dennis J. Bernstein: Schön dass Du kommen konntest, John. Amerikas Strafverfolger haben Julian Assange der Spionage in 18 Punkten bezichtigt. Sie wollen, dass er zu 175 Jahren Freiheitsstrafe in den USA verurteilt wird. Er ist jetzt 50 Jahre alt, also soll er sein Leben lang eingesperrt bleiben. Was macht Julian Assange so gefährlich für Amerika?

John Pilger: Ja, er ist sehr gefährlich. Er bringt ans Licht, was Regierungen … ihre Verbrechen, die Verbrechen über die wir, das Volk, sehr wenig wissen. Und in diesem Fall hat er die treffsicheren, gnadenlosen Kriegsverbrechen der US-Regierung ans Licht gebracht, vor allem die aus der Zeit nach 9/11. Das ist sein Verbrechen. Darin liegt so viel Ironie, Dennis. Assange ist mehr als ein Whistleblower. Er ist ein Erzähler der Wahrheit, und jetzt, wo die etablierten Medien sich fast vollständig auf Propaganda verlegt haben, ist diese Wahrheit einfach unerträglich, unverzeihlich. Zum Beispiel hat er — hat WikiLeaks etwas aufgedeckt, das diejenigen von uns, die über Amerikas Kriege berichtet haben, zu Genüge kennen — nämlich die mörderische Natur dieser Kriege, die Art wie dieses Morden, das einen großen Teil der US-Gesellschaft aufzehrt, in andere Länder exportiert wird, das gnadenlose Abschlachten von Zivilisten.

Das Video „Collateral Murder“, in dem die Besatzung eines Apache-Helikopters in Baghdad Zivilisten, darunter Journalisten, niederschießt, während die Akteure über das am Boden stattfindende Leiden und Sterben lachen und Scherze machen, zeigt mitnichten einen Einzelfall. Alle Reporter die über — nennen wir es: Amerikas Kolonialkriege — berichteten, haben Geschichten dieser Art erlebt.

Aber Assange hat Beweise geliefert, und das ist — das war sein zweites Verbrechen. Sein Material ist authentisch. Alle Enthüllungen von WikiLeaks sind authentisch. Darin unterscheidet es sich sehr von anderen Arten des Journalismus, wobei — ein Teil ist authentisch, ein Teil nicht — wie es sich eben ergibt. Aber die Enthüllungen von WikiLeaks sind zu hundert Prozent authentisch. Sie kommen aus dem Innersten eines Systems, und haben dasselbe gründlich erschüttert — ich denke, es handelt sich um den Kern des nationalen Sicherheits-Establishments der USA. Und kein Aufwand ist zu groß in dem Bemühen, Assanges habhaft zu werden und ihn wegzusperren.

Und das ist sehr beunruhigend für diejenigen unter uns, die sich wirklich als Journalisten betrachten. Bekanntlich werfen die US-Behörden Assange vor, mit einer Analytikerin des Geheimdienstes der US-Armee,

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