Ging es uns im Jahr 1995 etwa schlecht?

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08-10-20 08:34:00,

Günther Moewes: «Der Lebensunterhalt muss vom Arbeitszwang entkoppelt werden.»
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Günther Moewes: «Der Lebensunterhalt muss vom Arbeitszwang entkoppelt werden.»

Günther Moewes / 08. Okt 2020 –

Wirtschaftswachstum und Wohlstand haben oft nichts miteinander zu tun. Und wem nützte es in den letzten Jahren?

Um 9,7 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland infolge der Corona-Krise im zweiten Quartal eingebrochen. Für 2020 rechnen die Wirtschaftsweisen mit einem Rückgang von real 6,5 Prozent. Eine Katastrophe wurde suggeriert. Tatsache ist:

Würde das BIP zehn Jahre jedes Jahr um sechs Prozent zurückgehen, würde es von 3436 Milliarden Euro Im Jahr 2019 auf 1851 Milliarden sinken und sich so fast halbieren. Es läge dann auf dem Stand von 1995.

Ging es uns 1995 etwa schlecht? Fazit: Wohlstand hat in hochindustrialisierten Ländern überhaupt nichts mehr mit dem Wachstum des BIP zu tun. Die Wachstumsrechnung ist weitgehend fiktiv. Man will uns suggerieren, wir müssten jedes Jahr mehr produzieren (Red. und konsumieren) als im Vorjahr, sonst sänke unser Wohlstand.

Wieso eigentlich? Und wo, bitte schön, ist die Verdoppelung seit 1995 geblieben? Haben sich die Realeinkommen etwa verdoppelt? Einfaches Nachrechnen ergibt: Das meiste der Verdoppelung ist auf den Konten der Milliardäre, Konzerne und Anleger gelandet.

Es ist das Wesen exponentiellen Wachstums, dass sein Anstieg irgendwann nachlassen muss. Sonst wäre unser Planet irgendwann meterhoch mit Konsumschrott bedeckt. Obwohl das BIP seit 2019 absolut immer gestiegen ist, suggerierten fallende relative Prozentzahlen fälschlich abnehmenden Wohlstand.

Aber gefährdet ausbleibendes Wachstum nicht Jobs? Gegenfrage: War die Arbeitslosigkeit bei halbem BIP etwa doppelt so gross? Natürlich schadet der Niedergang der Airlines dem Wohlstand des Flug- und Bodenpersonals und der in der Flugzeugproduktion Tätigen. Aber schadet er deshalb dem Gesamtwohlstand? Oder spart der Verzicht auf Fernreisen nicht vielmehr Kosten ein? Kann das Kapital dann nicht für wirklichen Wohlstand eingesetzt werden, für Sanierung von Brücken, Schulen, für Bildung und Sicherheit? Der grosse Denkfehler der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung: Sie kennt keine Vermeidung. Nicht von Luxus, von vermeidbarer Arbeit, von Handel, Transportwahn, Bürokratie, Verpackung und Rüstung. Bei ihr ergibt alles Wachstum.

Vermeidung – das wäre die Verkleinerung unseres ökologischen Fussabdrucks. Überflüssige Arbeit kann nur vermieden werden durch Entkoppelung von Lebensunterhalt und Arbeitszwang. Zuerst allen Menschen ein Grundeinkommen zugestehen und erst dann fossile Airlines und marode Konzerne mit Milliarden retten.

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Obiger Text ist dem Buch von Günther Moewes entnommen (Zwischentitel von der Redaktion): «Arbeit ruiniert die Welt – Warum wir eine andere Wirtschaft brauchen»,

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