Sisyphos in Uniform

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08-10-20 07:08:00,

Morgen schon können sie über unseren Köpfen explodieren, die atomaren Langstreckenraketen der Amerikaner, Russen oder Chinesen. Morgen schon kann unser Leben nichts mehr wert sein. Die Angst hockt wie eine schwarze Spinne auf jedem von uns. Sie lähmt Gedanken und Hände. Die Furcht vor dem Tod hindert uns am Leben. Die Aggression gegen unsere potentiellen Mörder macht uns zu Zynikern. Die Unerträglichkeit des bedrohten Daseins stellt alles in Frage.

Wir nennen uns Realisten und legen allen, die auf eine bessere Zeit hoffen, die Sehnsucht als naiven Selbstbetrug aus. Die Katastrophe scheint unabwendbar. Wir schreien es uns von der Seele: Sie ist unabwendbar! Und was dann kommt, könnte nicht verhängnisvoller sein. Man legt die Hände in den Schoß, denn das Unglück ist ja doch nicht abzuwenden.

Aus Bequemlichkeit, aus Furcht vor Verantwortung, aus Unwillen vor aktiver Mitarbeit an einer menschlicheren Zukunft flüchtet man sich vor den vielfältigen Problemen dieser Epoche in die seligmachende Privatsphäre der Bürgerlichkeit oder in den digitalen Sinnesrausch, wo man sich endlich gehen lassen und vollends aufgeben kann. Man leugnet sowohl die positiven Kräfte im Menschen als auch ihren konkreten Einfluss auf den Lauf der Geschichte. Man degradiert die Idee einer besseren Zeit zur utopischen Vorstellung und übersieht dabei, dass der Kampf ums Überleben nur mit der Waffe der bejahenden Hoffnung geführt werden kann, einer Haltung, die nicht präkatastrophale Selbstbefriedigung fordert, sondern aufbauende humanistische Taten.

Der griechische Philosoph Heraklit behauptete: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ Und der indische Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi sagte: „Die Lüge ist die Mutter der Gewalt.“ Viele Menschen sind, bewusst oder unbewusst, die Kinder dieser Eltern. Zu ihnen zähle ich auch die Soldaten sämtlicher Armeen.

Diese Leute wollen dem Krieg entgegenwirken, indem sie ihn vorbereiten, und belügen damit sich selbst.

Die Ursachen der Kriegsbedrohung werden nicht bekämpft, sondern durch die propagierte Verteidigung gerechtfertigt. Diese Leute beruhigen sich mit der Illusion, Angriff sei die beste Verteidigung. Sie sind die verblendeten Kinder von Vater Krieg und Mutter Lüge. Zu ihnen zu gehören, verbietet mir meine Sehnsucht nach einem friedlichen Zusammenleben.

Verdun, August 1916. Drei französische Soldaten im Schützengraben. Dem einen wird befohlen, eine Gasflasche zum bereitstehenden Lastwagen zu tragen. Die Kameraden warnen ihn vor herumfliegenden „Meteoriten“. Lachend verlässt er den Unterstand. Im Freien trifft ihn eine feindliche Granate, die Flasche explodiert,

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