Das Leben als Werbefilm

das-leben-als-werbefilm

09-10-20 09:21:00,

Helmut Scheben / 09. Okt 2020 –

Die Grenze zwischen dem Wirklichen und seiner Abbildung, zwischen Selfie und Selbst, ist unsicher geworden.

Die Soziologin Eva Illouz hat einmal eine Reihe von Personen befragt, ob sie Momente romantischer Liebe erlebt hätten und welche Erinnerung sie daran hätten. Die Befragung ergab, dass fast alle Befragten Geschichten erzählten, die auf Kinofilme, Hotels, Reisebilder oder andere Formen von Konsum hinwiesen.

Illouz zeigt in ihrer Studie, wie seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die Werbung zunehmend Bilder erzeugt, die die Tagträume und die Sehnsucht der Konsumenten nach Liebe, Freiheit, Schönheit, Status und Reichtum bedienen. Ob Waschmaschinen, Kleidung, Parfum, Spirituosen, Deosprays oder Strandhotels: Die Werbefotos zeigten oft Momente der glücklichen Zuneigung eines Liebespaares oder eine intakte Familie.

Diese «Romantisierung der Waren» bewirkte eine starke Rückkopplung auf den Lebensstil und das Verhalten der Menschen. Menschliche Beziehungen wurden mehr und mehr gleichgesetzt mit dem Konsum von Waren, oder sie waren zumindest immer schwerer davon zu trennen. Heute gibt es Grund zur Beunruhigung. Im Zeitalter der rasenden Produktion des Virtuellen kann einem schwindlig werden, wenn man sieht, in welchem Ausmass Werbebilder auf das «normale Leben» einwirken.

Die Postmoderne ist unter anderem charakterisiert durch die herausragende Bedeutung des Bildes gegenüber dem gedruckten und gesprochenen Wort. Der Sozialphilosoph Pierre Bourdieu schrieb in seiner fundamentalen Kritik am Fernsehen einmal, das Medium erlaube kein ruhiges Nachdenken. Die Politiker würden dort nicht auftreten, weil sie die Gelegenheit hätten zu argumentieren, sondern um gesehen zu werden: «On n’est pas là pour dire quelque chose, mais pour se faire voir et pour être vu.»

Mit der Bild-Dominanz geht das postmoderne Verschwinden der Grenze zwischen dem Wirklichen und seinem Abbild einher. Oft ist nicht mehr zu erkennen, bis zu welchem Grad das Verhalten der Leute nichts anderes mehr ist als die Darstellung von Bildern der Konsumwerbung. Da spielen viele – bewusst oder unbewusst – sich selbst in einem Werbefilm oder treten auf wie zu einem Fototermin. Wobei eine oberflächlich verbreitete Moral sicher einräumt, dass ein Schulbub, der glaubt, seine Akzeptanz in der Peergroup hänge vor allem von seinen Nike-Turnschuhen ab, eine falsche Lektion fürs Leben gelernt hat.

There’s no business like showbusiness

Ein anschauliches Beispiel für die Wechselbeziehung von Werbebild und Wirklichkeit bietet ein Foto im jüngsten Heft des Schweizer Alpenclubs.

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: