Die komplementäre Wirklichkeit

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10-10-20 12:05:00,

Wer kann eigentlich das Wort „Reform“ noch hören? Es ist definitiv verbraucht. Nach der „Agenda 2010“ und anderen Polit-Geistesblitzen der Vergangenheit entlockt der Begriff politisch informierten Menschen nur noch ein entnervtes Aufstöhnen.

Auch die „Revolution“ ist eine zweischneidige Sache – ist es doch nicht allein ein böswilliges Herrschaftsnarrativ, dass solche Totalumstürze oft äußerst gewalttätig verlaufen und nicht unbedingt humane neue Herrscherkasten hervorbringen.

Wie wäre es aber mit „Reformation“? Diese Bezeichnung wirkt auf viele Leserinnen und Leser vermutlich wenig anziehend, die ihre Erfahrungen mit protestantischen Glaubensgemeinschaften eher mit moralischem Mief und uninspirierten Religionsroutinen verbinden. Auch Martin Luther als Reformator ist wegen seiner zahlreichen antisemitischen, frauenfeindlichen und antisozialen Ausfälle für viele kein Vorbild. Mir geht es hier aber überhaupt nicht um die inhaltliche Ausrichtung von „evangelisch“ oder „katholisch“, sondern um das Prinzip: zwei Kirchen mit abweichender Weltanschauung, deren Mitglieder halbwegs friedlich mit- oder nebeneinander leben, auf ein- und demselben Boden.

Das Beispiel ist interessant, weil es vorbildhaft für einen Aufbruch sein könnte, der im Umfeld einer neoliberalen und im Jahr 2020 auch Corona-hysterischen Meinungsmonokultur heute dringend notwendig wäre. Im Mittelalter gab es nur eine einzige Kirche – die katholische. Die Mitgliedschaft in dieser Kirche war in einem bestimmten geografischen Raum quasi unumgänglich, weil sie ein Individuum sozial schützte und trug. Dann kam Martin Luther und „erfand“ Anfang des 16. Jahrhunderts eine zweite Kirche, eine Parallelkirche mit ähnlichen Funktionen und Institutionen wie die katholische, jedoch mit teilweise davon abweichenden Werten und Ritualen.

Heute gibt es neben diesen beiden großen Kirchen noch viele weitere spirituelle Wege, die in der Regel unbehelligt mit den christlichen koexistieren können – von neueren Tendenzen zur „Islamophobie“ abgesehen. Das Monopol der einen Kirche auf religiöse Sinnstiftung und religiöse Dienstleistung ist aufgehoben. Mit Luther gab es einen Riss in der Decke der scheinbar allumfassenden Gültigkeit des katholischen Prinzips. Immer wenn ein Paradigma sich als „alternativlos“ aufspielt und damit das geistige Leben einer Gesellschaft zu ersticken droht, wenn es sich außerdem in hohem Maße unglaubwürdig macht und „Glaubensgehorsam“ nur noch durch massiven Zwang und Manipulation zu erreichen vermag – dann ist es Zeit für eine „Reformation“.

Während Reformen nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit zu verbessern suchen – und ihn oft genug verschlimmbessern – zielt eine Reformation auf das Ganze der geistigen und organisatorischen Orientierung einer Gesellschaft.

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