Moskau vermittelt Waffenruhe im Berg-Karabach-Konflikt

moskau-vermittelt-waffenruhe-im-berg-karabach-konflikt

11-10-20 07:55:00,

Berg-Karabach: Frauen und Kinder suchen Zuflucht in Kellern und anderen Schutzräumen

Amalia van Gent / 10. Okt 2020 –

Aserbaidschan und Armenien haben sich nach 10-stündigen Verhandlungen in Moskau überraschend auf eine Waffenruhe geeingt.

Die Waffenruhe soll bereits heute Mittag beginnen und Aserbaidschan und Armenien ermöglichen, ihre Gefangenen und die Körper ihrer Toten auszutauschen. Unmittelbar danach sollen «substanzielle Gespräche für eine Beilegung des Konflikts» unter Führung der sogenannten Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beginnen. Wäre damit auch der erste Schritt zu Friedensverhandlungen getan?

Seit zwei Wochen hat der neue Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien um Berg-Karabach getobt und immer mehr Zivilisten und zivile Einrichtungen in Mitleidenschaft gezogen. Berg-Karabachs Hauptstadt Stepanakert und das wunderschöne, hoch auf einem Hügel gelegene, ehemals multikulturelle Städtchen Schuscha sind seit Tagen die Zielscheibe von Aserbaidschans Raketen-, Artillerie- und Luftangriffen. Seit Tagen meldet auch Aserbaidschan armenische Raketenangriffe auf seine zweitgrösste Stadt Gendsche. Die mittel- oder langfristigen Folgen auf die Zivilbevölkerung werden dabei bewusst ausgeklammert. Das IKRK umschrieb in einer öffentlichen Erklärung am 4. Oktober die Lage in der südkaukasischen Region so: «Hunderte von Häusern und wichtige, zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser und Schulen sind durch schweres Artilleriefeuer und durch Angriffe der Luftwaffe inklusive Raketen zerstört oder beschädigt worden. Ebenso zerstört wurden Strassen, Elektrizitäts- und Gaswerke sowie Kommunikationsnetze. Familien sind unterwegs auf der Suche nach irgend einem sicheren Unterschlupf, während sich andere zurückgezogen haben in ungeheizte Kellerräume, wo sie sich vor Gewalt geschützt wähnen.»

Lokale Behörden schätzen, dass etwa die Hälfte der zivilen Bevölkerung, vor allem Frauen und Kinder, mittlerweile auf der Flucht ist. Mehrere hundert Menschen sind ums Leben gekommen. Allein die armenische Seite hat über 320 tote Soldaten zu beklagen. Wie viele Opfer es auf der Seite Aserbaidschans gibt, ist noch unbekannt. «Berg-Karabach ist wieder auf Punkt Null zurückversetzt», sagt die junge Unternehmerin Aelita Chobanjan im Gespräch. «Die Zerstörung seiner Infrastruktur ist beinah vollkommen.» Und sie bestätigt, dass Abertausende von verzweifelten Flüchtlingen täglich in Jerewan eintreffen. Der armenische Premier Nikol Paschinjan nannte diesen Krieg «einen für Armenier existentiellen Krieg», gar eine «Fortsetzung des Genozids». Die Jungtürken hatten im Schatten des Ersten Weltkriegs zwischen 1915-1917 über eine Million Armenier des Osmanischen Reichs ermorden lassen. Wer überlebte, wurde vertrieben. Das Trauma des Genozids, den die Türkei nie als solchen anerkannt hat, lastet auf der armenischen Seele und hat sich wie eine Urangst im armenischen DNA verankert.

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: