Der einsame Planet

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13-10-20 02:23:00,

Das weiß doch jeder, dass die Clowns nicht wirklich fröhlich sind. Ein ganz besonderer Schalk aus der Zunft der Komödianten ist der Klavierpoet Rainald Grebe. In seinen Liedern klingt der melancholische Grundton meist recht unverhohlen durch. Grebes Song „Lonely Planet“ etwa zeichnet zunächst das Bild des naturverliebten Weltenbummlers, des klassischen Backpackers von heute:

„Ich hab Heu gemacht in Kasachstan, ich war in Mexico-City.
Ich war Schneeschippen auf dem Kilimandscharo,
ich hab Zebras zugeritten — ich fands funky“

Doch schon mit der zweiten Strophe kippt die Stimmung, wenn er erklärt:

„Ich war tiefseetauchen in Tuvalu, in Las Vegas war ich zocken.
Ich hab Kängurus Beton in den Beutel geschüttet,
die sind einfach nach vorne umgefallen — das war schön“,

und unser Kosmopolit erscheint schon weniger sympathisch. Was Grebe hier sarkastisch zuspitzt, läuft in der Kunst- und Kulturszene und ganz allgemein schon lange unter dem Label „Anything goes“ — alles geht. Die Konventionen sind aufgehoben, erlaubt ist, was gefällt. Regeln und Richtung — das war gestern, ja, vermutlich sogar vorgestern — wie rückständig waren doch die Zeiten und welch Glück: Wir leben in der Zukunft!

„Anything goes“ ist eigentlich ein fluffiger Euphemismus für Orientierungslosigkeit. Was soll nach Impression-, Expression- und Kubismus, nach Manet, Monet und Big Money auch noch kommen? Der Mensch im 21sten Jahrhundert hält den Kompass in der Hand und wartet vergeblich darauf, dass die Nadel sich irgendwohin ausrichtet — doch vor seinen Augen ist nur Schwindel erregendes Kreisen. „Houston, wir haben ein Problem!“, so schallt es nun als Funkspruch rund um den Planeten beziehungsweise „Captain, Captain, wo geht‘s lang? Das weiß allein der Klabautermann“ — um noch einmal Grebe zu zitieren.

Nun hat also der Donner eingeschlagen und die Welt steht still — doch bevor verklärte Romantik aufkommt bei diesem Bild, sollte man vielleicht eher sagen, die Welt steckt fest, der Motor hat einen Kolbenfresser und die Gesellschaft scheint wie schockgefroren — ganz unvermittelt und ohne Vorwarnung heißt es plötzlich: „Keiner rührt sich vom Fleck!“ und: „Maske auf!“ natürlich nicht vergessen.

Nach fest kommt lose — so lautet eine Binsenweisheit in Kreisen der wahrhaft eingeweihten Philosophen, den Handwerkern. Und umgekehrt muss man für 2020 wohl konstatieren: Nach lose kommt fest.

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