Europas Irrweg

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14-10-20 10:33:00,

„Ist der Mensch gut?
Der Mensch ist weder böse noch gut.
Er wird, wozu er sich macht“
— Peter Weiss.

Europa, die Wiege der Demokratie, gleicht derzeit einem Hexenkessel. Gesellschaftliche und politische Kräfte driften in extreme Positionen ab und liefern sich heftige Kämpfe. Der Kontinent, dessen Denkern wir Aufklärung, Menschenrechte und die philosophische Idee der Humanität verdanken, verwandelt sich zusehends in einen Un-Ort von geschichtlicher Amnesie, Kapitalismushörigkeit, sozialer Ungerechtigkeit, Nationalismus und Fremdenhass.

Panik hat uns erfasst, eine übermächtige Angst, die das Denken lähmt und paradoxe Reaktionen auslöst: Die Politik der korrupten Eliten führt zu einem politischen Rechtsdrall der Mitgliedstaaten, die Klimakatastrophe zu mehr CO2-Ausstoß, die Corona-Pandemie zu totalitären Schutzmaßnahmen, die kapitalistische Profitwirtschaft zu Hartz IV, die prekären Verhältnisse zur Flucht ins Internet, die Hilfe suchenden Flüchtlinge zu Gewalt und Unmenschlichkeit. Der Lack der europäischen Zivilisation blättert ab — darunter erscheint die Fratze der Barbarei.

Die Europäische Union (EU) wurde 1992 mit dem Vertrag von Maastricht gegründet. Der Staatenbund umfasst aktuell 27 Länder, außerhalb Europas Zypern und einige Überseegebiete, und rund 450 Millionen Einwohner, die 24 Amtssprachen sprechen. Seit ihrer Gründung geht es der EU in erster Linie um ökonomische und geopolitische Interessen, ihre kulturelle Identität ist zweitrangig. 19 Mitgliedstaaten bilden eine Wirtschafts- und Währungsunion, die 2002 den Euro einführte. Die EU ist der zurzeit größte Güterproduzent und die weltweit größte Handelsmacht, die Menschen in ihren Mitgliedstaaten haben einen der höchsten Lebensstandards.

Noch vor 200 Jahren verließen viele unserer Ahnen den von Elend und Hungersnöten geplagten Kontinent, um anderswo ihr Glück zu versuchen. Woher kommt unser heutiger Wohlstand? Woher kommt unser Reichtum?

Kurz gesagt verdanken wir ihn den folgenden Stufen einer verheerenden Entwicklung: Erste industrielle Revolution; die Aufteilung der Welt in Kolonien der industrialisierten Länder, das heißt die politische Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung abhängiger Völker; der Aufschwung des Kapitalismus, das heißt der Wirtschaftsform, die durch Privateigentum an Produktionsmitteln und Steuerung des Wirtschaftsgeschehens über den Markt gekennzeichnet ist; zweite industrielle Revolution; imperialistische Welt- und Wirtschaftspolitik, das heißt Ausdehnung des politischen, militärischen und wirtschaftlichen Macht- und Einflussbereichs mit konzentrierten Industrie- und Bankmonopolen; weitere Ausbeutung und Schulden-Knechtschaft ehemaliger Kolonien in Zusammenarbeit mit lokalen korrupten Eliten; Umweltzerstörung; digitale Revolution; Globalisierung, das heißt Machtzuwachs transnationaler Konzerne, Verselbständigung der Finanzmärkte und Ungleichverteilung globaler Ressourcen.

Wir haben uns an den Wohlstand gewöhnt,

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