Der Popcorn-Protest

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15-10-20 08:12:00,

23 Jahre nach Ende des NS-Regimes wagte der Kabarettist Jonny Buchardt vor seinem deutschen Publikum während des Kölner Karnevals ein Experiment, einen Versuch, der erschreckenderweise glückte. Er testete die Konditionierung seiner Zuschauer dahingehend, ob diese im Chor auf bekannte Signalwörter mit den entsprechend assoziierten „Folgewörtern“ reagieren würden. So rief er: „Hip Hip …“ und das Publikum erwiderte: „Hurra!“ Und noch mal: „Hip Hip …“, das Publikum: „Hurra!“

Buchardt probierte es mit einem anderen Spruch: „Zicke, Zacke, Zicke, Zacke …“ das Publikum: „Hey! Hey! Hey!“. Das Gleiche nochmal. Doch dann rief Buchardt voller Inbrunst: „Sieg!“ Und das Publikum erwiderte darauf im Jahr 1973: „Heil!“

Buchardt drehte sich mit einer bizarren Mischung aus Entsetzen und Belustigung vom Publikum weg, welches wiederum zu lachen begann, obgleich es dafür eigentlich gar keinen Grund gab. Erneut zum Publikum gewandt, fragte er, ob denn hier an diesem Abend noch ein paar „alte Kameraden“ anwesend wären?

Dem war sicherlich nicht so. Doch die Konditionierung steckte an jenem Abend noch in den Köpfen vieler der Anwesenden. Und weil der Verstand jedes Einzelnen durch den Rausch der Masse gedämpft war, konnten sich die antrainierten Wörter Bahn brechen, wie Gustav le Bon es zum Ende des 19. Jahrhunderts bereits beschrieb. Der einzelne Besucher hätte in der Garderobe vor dem Auftritt Buchardts auf das Wort „Sieg!“ wohl kaum mit „Heil!“ geantwortet. Doch in der Massendynamik ergriff der Reflex die Oberhand und dieses Tabu war vergessen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Die Protestform, dass einer redet und viele applaudieren, trägt zwar ihre Früchte, doch ist sie nicht wirklich zielführend für eine Emanzipation der Menschheit. Rudi Dutschke enttäuschte seine Zuhörer bewusst, indem er sich weigerte, ihnen Antworten auf die großen Fragen vorzugaukeln. Er verweigerte dies aus dem ganz bestimmten Grund, denn mit dieser suggestiv-beeinflussenden Rhetorik wollte er nicht in die Fußstapfen der Manipulatoren, Anführer und Redenschwinger treten. Im Gegenteil. Sein Wunsch war es, die „gesellschaftliche Bewusstlosigkeit“ aufzulösen und jeden Einzelnen zu ermächtigen, selbst zu denken und sich ein Urteil zu bilden.

Diesem hohen Ziel sind wir heute — etwa 50 Jahre später — nicht wirklich näher gekommen. Immer noch stehen auf den Bühnen Redner und Rednerinnen, halten manchmal fantastische Reden und lassen bei den richtigen Trigger-Wörtern die Menge applaudieren oder in Buhrufe ausbrechen. Immer noch besteht das Dispositiv einer Bühne mit wenigen bewussten Referenten und der Zuhörerschaft,

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