Der Verlust des Lebens

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15-10-20 07:48:00,

Ja, Corona bringt uns den Tod ins Bewusstsein. Früher war er mitten unter den Menschen, und die Toten ruhten auf dem Friedhof, welch schönes Wort!, der mitten im Dorf direkt neben der Kirche lag. Heute ist er von dort vertrieben. Corona macht ihn — wie so vieles andere, was verdrängt ist — wieder sichtbar. Wussten Sie — bevor uns Corona die Zahlen der Covid-19-Toten täglich ins Haus brachte —, dass jedes Jahr weltweit über 50 Millionen Menschen sterben? Oder in Deutschland jeden Tag 2.500?

Die letzte Zahl haben Sie inzwischen vielleicht gelesen. Aber das sind nur Zahlen, abstrakt, sie berühren uns emotional nicht. Bei Corona werden sie bebildert, sichtbar gemacht, bekommen Namen und Gesichter und werden dazu noch mit hoch emotionalen Worten beschrieben: „Es ist wie ein langsames Ersticken.“ Da erschrickt man. Wer will schon langsam ersticken?

Und das geschieht in Mailand, in Madrid und Straßburg und in London, das ist etwas anderes als der tägliche Hungertod in Afrika, der ist weit weg, davor müssen wir keine Angst haben. In Europa und vor allem in Amerika sterben wir, man sieht es gerade, weniger an Unterernährung als am Gegenteil, an unserer Fettleibigkeit. Macht Corona auch da etwas sichtbar? Dass wir alle zu fett sind?

Corona hält uns, daran kann kein Zweifel bestehen, den Spiegel vor. Die ganze Erde ächzt seit langem unter der Last der Menschen, die sie zu tragen hat, und ihrer Exkremente, der Plastikmüll, der Atommüll und all die anderen Abfälle sind nichts anders als die Verdauungsprodukte — sprich: die Scheiße — der modernen Welt. Dass die ganz Dicken jetzt zuerst sterben, kann man durchaus als Symbol nehmen — es ist der Erde zu viel.

Wie gesagt: als Symbol, ich glaube nicht an einen absichtsvoll handelnden Akteur Namens Erde oder Natur. Aber es ist ein Spiegel. Corona kommt ja aus der Natur, Viren sind die ältesten Bewohner der Erde, sozusagen unsere Urahnen. Das „Scheiß-Virus“, wie eine Freundin meiner Frau es nannte, ist Natur pur.

Diese Natur zeigt uns, dass wir immer noch Natur sind. Wären wir, wie es der geheime Traum der Moderne ist, der Natur schon enthoben, könnte ein Virus uns nichts anhaben. Genau darauf läuft alles hinaus, das ist das innerste Wesen der Moderne: sich vollkommen von der Natur zu „emanzipieren“. Das heißt es, ein „autonomes Individuum“ zu sein.

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